Auf dem Lido lässt man sich nicht lumpen, wenn es darum geht, den Geist des 71. Filmfestivals von Venedig aufzunehmen. Der Spielzeugladen in der Hauptstraße Gran Viale hat Plüschlöwen – in der Marmorausführung Symbol der Stadt – neben und auf einem Stück roten Stoffes gruppiert, der als roter Teppich durchgehen kann.

Der Bäcker in der Via Lepanto hat seine Torten im Schaufenster mit Schwarz-weiß-Fotografien legendärer Kinostars dekoriert, so dass sich die Vorübereilenden am Anblick von Sophia Loren, Brigitte Bardot oder auch Anita Ekberg auf weißem Zuckerguss erfreuen können. Damen, die roten Lippenstift aufgelegt haben, werden mit „Bonjour“ begrüßt von galanten Italienern, die auf dem Weg zur Arbeit tatsächlich Judy Garlands „Some-where over the Rainbow“ aus dem Filmklassiker „The Wizzard of Oz“ pfeifen.

„Der Tod in Venedig“

Nur das legendäre Grand Hotel des Bains, in dem Luchino Visconti 1971 Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ verfilmte, bietet einen traurigen Anblick als mit Brettern vernageltes, entkerntes Hausgerippe. Hier wollte ein Investor Eigentumswohnungen für reiche Russen und Araber einrichten, doch daraus wurde nichts; kürzlich kamen vor Ort letzte Geräte aus der Hotelküche unter den Hammer. Man empört sich am Lido darüber, dass niemand öffentlich Verantwortung übernimmt für das verpflichtende Erbe des Grand Hotel des Bains.

Auf eigene Art bezeugt das alles die immense Strahlkraft, die immer noch vom Kino einstiger Zeiten ausgeht. Produktionen aus der Gegenwart haben es da nicht leicht, sich zu behaupten, und man bringt ihnen hier auch nicht immer Interesse entgegen. Nehmen wir das iranische Kino, das auf der 71. Mostra mit mehreren Produktionen vertreten ist. Moshen Makhmalbaf, einst gefeierter Begründer des Makhmalbaf Film House, zeigte seine Diktatoren-Groteske „The President“ (Sektion „Orizzonti“) vor nicht allzu vielen Zuschauern.

Und zur Vorführung von „Ghesseha (Tales)“ blieb das Pressekino Darsena halb leer. Dabei gehört dieser Spielfilm von Rakhshan Banietemad zu den bislang interessantesten Wettbewerbsbeiträgen, entwirft er doch am Beispiel unterschiedlicher Protagonisten das komplexe Bild einer so differenzierten wie modernen Gesellschaft.

Da ist der Rentner, der als Notfall versehentlich in eine Privatklinik eingeliefert wurde nun die Arztrechnung nicht bezahlen kann, aber im zuständigen Ministerium gedemütigt wird. Eine ehemalige Drogensüchtige engagiert sich in einer Entzugsklinik für Frauen, in die manche auch vor ihren gewalttätigen Ehemännern flüchten. Fabrikarbeiter wollen sich nicht damit abfinden, dass man ihnen nach einem Eigentümerwechsel seit Monaten keinen Lohn gezahlt hat. Immer wieder tritt ein Regisseur auf, der all diese Fälle individueller Not, aber auch des Missverhältnisses von Staat und Bürgern mit einer Handkamera dokumentieren will.

„Tales“ ist ein Verzweiflungsschrei

Banietemad geht offen mit den Problemen in ihrem Land um, Arbeitslosigkeit, Drogensucht, Aids, Prostitution, Hunger, fehlende Meinungsfreiheit, ohne aber eine dissidentische Trittbrettfahrerin zu sein. „Tales“ ist vielmehr ein Verzweiflungsschrei, der das politische Kino selbst und auch Festivals wie die von Venedig, Cannes oder Berlin befragt mit dem Einwand einer älteren, um ihren Lohn geprellten Arbeiterin: „Aber wann zeigen Sie denn Ihren Film? Es gibt doch schon Hunderte solcher Filme! Und was dann?“

Ja, was dann? Die Wettbewerbsjury unter Vorsitz des Filmkomponisten Alexandre Desplat, der auch der deutsche Regisseur Philip Gröning angehört, hat zwei leere Stühle aufstellen lassen für zwei aus politischen Gründen inhaftierte Filmemacher: den Ukrainer Oleg Sentsov (der derzeit im Kino Brotfabrik gewürdigt wird) und die Iranerin Mahnaz Mohamadi. Symbolpolitik gegen die Ohnmacht. Doch es fällt noch ein Satz in „Tales“: „Kein Film bleibt für immer im Tresor.“ Wie wichtig und vor allem schmerzlich es ist, mit den Mitteln der Kunst Gesellschaften und ihre Geschichte zu ergründen, beweist Joshua Oppenheimers neuer Dokumentarfilm „The Look of Silence“ im Wettbewerb.

Hier wendet sich der US-Regisseur - nach „The Act of Killing“ – erneut den politischen Massenmorden in Indonesien Mitte der 1960er-Jahre zu; damals wurden mehr als eine Million Menschen, landlose Bauern, Intellektuelle, Gewerkschafter, als Kommunisten diffamiert und ermordet, und das manchmal nur, weil man deren Hab und Gut oder Frau für sich selbst wollte. Ein Optometrist von Mitte 40, dessen Bruder damals grausam getötet wurde, zieht in Oppenheimers Film mit seinen Messwerkzeugen durch die Gegend und befragt beim Prüfen der Augen die einstigen Täter. Sie sind Greise, aber mächtig und wohlhabend; in den Schulen werden ihre Lügen gelehrt, Fragen sind nicht erwünscht.

Vielmehr sieht sich der Mann, der Genaues über das Schicksal seines Bruders wissen möchte, mit permanenter Leugnung konfrontiert, obwohl sich die Männer der einstigen Todesschwadronen längst - etwa in „The Act of Killing“ – mit ihren Taten gebrüstet haben. Und auch hier erklärt einer, wie man am effektivsten einen Menschen tötet - und dass er das Blut seiner Opfer getrunken habe, um stark zu bleiben. Was einst geschah, also die Geschichte - das bleibt eine offene Wunde.

Unter den bisherigen Festivalfilmen steht „The Look of Silence“ wie ein Monolith – ein Monument schwierigster Arbeit an der Vergangenheit wie an der Gegenwart, dabei von würdiger ästhetischer Form, weil er den in diesen Verhältnissen selbstredend gefährdeten Frager nicht einfach mitfühlend begleitet, sondern zutiefst verbunden in einer Wahlgemeinschaft. Die Mehrzahl des Filmteams bleibt im Abspann aus Sicherheitsgründen anonym.

Aufrüttelkino

In diesem Kontext kann man einen Film wie „99 Homes“ nicht mal als Aufrüttelkino akzeptieren. Um Jahre verspätet erzählt der iranisch-stämmige US-Regisseur Ramin Bahrani hier in klassischer Dramaturgie von einem gierigen Makler, der während der Finanz- und Immobilienkrise ungeheuren Profit macht, indem er Leute aus ihren hypotheken-beladenen Häusern vertreibt, auch mit Betrug. Eines seiner Opfer, ein Bauarbeiter, wechselt die Seiten und arbeitet für ihn, gewinnt am Ende aber doch das rechte Klassenbewusstsein zurück - ein schematischer, ärgerlicher Film. Eher niedlich inszeniert der Franzose Xavier Beauvois („Von Menschen und Göttern“) in „La Rançon de la Gloire“ die wahre Geschichte zweier glückloser Männer, die 1977 aus Not Charlie Chaplins Sarg klauten, um mit dem Lösegeld eine Hüftoperation zu bezahlen.

Chaplin bei Beauvois - auch das ist letztlich eine Verneigung vor dem Kino von einst, das am Lido gefeiert wird. Auch von einem Deutschen. Der Journalist Rüdiger Suchsland gibt sein Regiedebüt mit der Dokumentation „Von Caligari zu Hitler“, einer liebevollen und materialreichen Gesamtschau des Kinos der Weimarer Jahre, die in der Ästhetik der Filme auch das Kommende aufspüren will – die zukünftige Vergangenheit des Hitler-Faschismus. Jawohl, auch das wünscht man sich vom Kino: Dass es ein Seismograph ist. Dass es uns zeigt, was wir noch nicht wissen.