Das Fernsehfilmfestival Baden-Baden wirkt manchmal ein bisschen wie aus einer anderen Zeit: Vier Tage lang trifft sich die Branche im nostalgischen Ambiente des legendären Kurhauses. Und der mit leichter Patina behafteter Glamour des einstigen Weltbades könnte auch gut zu einem Medium passen, das sich angesichts neuer digitaler Herausforderungen und Bedrohungen gern in Selbstbeweihräucherung flüchtet. Doch davon konnte beim 23. Durchgang des von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste getragenen Festivals keine Rede sein.

Denn neben den Filmen an sich stehen auch immer die Produktionsbedingungen und aktuelle Fragen wie der Konflikt ums Urheberrecht zur Diskussion. Filmmusik-Legende Klaus Doldinger, dieses Jahr fürs Lebenswerk mit dem Hans-Abich-Preis geehrt, rief bei der Preisverleihung am Freitagabend sogar zur Bildung einer „gemeinsamen Front aus Textdichtern, Musikern und Journalisten“ auf. Es könne nicht sein, „dass jemand, um einen Dollar im Netz zu verdienen, tausende Klicks braucht“, rief Doldinger mit erhobener Faust – und spielte dann begnadet Saxophon.

Sein Duktus passte aber zum großen Gewinner des Festivals. Und der kommt von einem Regisseur, der in Baden-Baden mit seinem TV-Debüt vertreten war. Eine Sensation? Nein, Volker Schlöndorff. Erstaunlich, aber wahr: Der 73-jährige Oscar-gekrönte Kinoregisseur war tatsächlich mit dem ersten Film im Wettbewerb, den er ausdrücklich und nur für den kleinen Bildschirm gedreht hat. „Das Meer am Morgen“, eine Produktion von Arte Frankreich mit mehreren ARD-Sendern, handelt von der Hinrichtung des 17-jährigen Widerstandkämpfers Guy Môquet 1941 während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich.

Schlöndorff, der auch das Drehbuch schrieb, wage „sich auf subtile und intelligente Weise in die komplexe deutsch-französische Kriegs- und Kollaborationsrealität des Zweiten Weltkriegs“, schrieb die Jury zur Begründung. „Das Meer am Morgen“ holte auch den Preis der Studenten-Jury von der Filmakademie Ludwigsburg, die wie in jedem Jahr parallel zur Hauptjury des Wettbewerbs tagte. Es lag wohl auch am Kontrast zu „Rommel“, dem ebenfalls nominiertem Event-Elaborat der ARD, dass der andere Film zum Dritten Reich so erfolgreich lief. „Rommel“-Regisseur Nicki Stein jedenfalls musste sich in einer Diskussion seinen Film um die Ohren hauen lassen.

Aus einem sehr starken TV-Jahrgang weiter ausgezeichnet wurde der Schauspieler Ulrich Noethen für seine darstellerische Leistung eines skrupellosen Kommissars in „Das unsichtbare Mädchen“, der Drehbuch-Preis ging an Magnus Vattrodt für die ZDF-Produktion „Liebesjahre“. Der Regiepreis ging an Stephan Wagner für den nach den Gerichtsakten gedrehten Film „Der Fall Jakob von Metzler“ (ZDF).

Den vom TV-Publikum bestimmten 3Sat-Zuschauerpreis erhielt die WDR-Produktion „Der letzte schöne Tag“ – ein Film über eine Familie, die nach dem Selbstmord von Ehefrau und Mutter mit Selbstvorwürfen und der Trauer weiterleben muss. Weiterleben wird auch das Baden-Badener Festival, wenn auch unter neuer Leitung: Die Nachfolgerin des langjährigen Fernsehfilmchefs Karl Otto Saur wird im nächsten Jahr die den Lesern dieser Zeitung bestens bekannte TV-Kritikerin Klaudia Wick.