Krisen? Welche Krisen? Für den Besucher wirkt San Sebastian wie eine Insel der Glückseligen. Die Straßen sind herausgeputzt, die Geschäfte edel, die Menschen kultiviert. ISIS, Ebola, Ukraine- und die immer noch nicht überstandene Eurokrise - an kaum einem anderen Ort Europas scheinen solche Schreckensbegriffe entfernter. Am spektakulär schönen Stadtstrand wird Ende September noch gebadet, Surfer tragen barfuß ihre Bretter durch die Altstadt, in deren Bars und Restaurants die Theken überquellen mit Köstlichkeiten.

Man muss schon ins Kino gehen, um das Elend der Welt präsentiert zu bekommen. Die Traumatisierten, die Entwurzelten, die Entrechteten waren beim 62. Internationale Filmfestival von San Sebastian zahlreich auf der Leinwand vertreten. Illegale chinesische Flüchtlinge auf dem gefährlichen Weg übers Meer nach Südkorea etwa in Shim Sung-bos "Haemu" oder ausgezehrte pakistanische Babys in Danis Tanovics "Tigers", eine allzu manipulative Anklage gegen den globalisierten Kapitalismus.

In Christian Petzolds einzigem deutschen Wettbewerbsbeitrag "Phoenix" wandelt eine entstellte KZ-Überlebende auf der Suche nach ihrer großen Vorkriegsliebe wie ein Gespenst durch die Trümmer Berlins. Der Film feierte beim Festival seine Europapremiere, nur wenige Tage vor seinem Deutschlandstart. Das Melodram bekam am Ende trotz einer herausragenden Nina Hoss in der Hauptrolle lediglich den Preis des internationalen Filmkritikerverbands Fipresci.

Großer Gewinnerin der vom spanischen Produzenten Fernando Boveira geleiteten Jury war die tiefschwarze spanische Tragikomödie "Magical Girl", die sowohl den Hauptpreis, die Goldene Muschel, als auch Regiepreis abräumte. Carlos Vermuts zweiter Langfilm stach vor allem durch seine Unberechenbarkeit aus der Konkurrenz heraus.

Er beginnt mit einem Prolog, in dem ein Mädchen ihrem Lehrer einen Streich spielt. Erst gegen Ende von "Magical Girl" wird deutlich, was dieser Anfang mit dem Rest des Films zu tun hat. Zunächst geht es um den allein erziehenden arbeitslosen Lehrer Luis, der Schwierigkeiten hat, für sich und seine an Leukämie erkrankte zwölfjährige Tochter Alicia den Unterhalt zu sichern. Seine geliebten Bücher muss er für klägliche Beträge an ein Antiquariat verkaufen, das ihn kiloweise bezahlt.

Als Luis herausbekommt, dass seine Tochter davon träumt, ein sündhaft teures Kleid zu besitzen, setzt er alles daran, ihren Wunsch zu erfüllen. Hier beginnen die überraschenden bis grotesken Wendungen: Als der verzweifelte Luis gerade mit einem Stein das Schaufenster eines Juweliers einschlagen will, wird er von einem Strahl Erbrochenem aus einem der oberen Stockwerke getroffen. Übergeben hat sich die psychisch labile Frau eines erfolgreichen Psychiaters, die gerade Selbstmord mit einem Tablettencocktail begehen wollte.

Die schwarzhaarige Schönheit mit Namen Barbara bittet den verdutzten Luis in ihre Wohnung, um dessen Klamotten zu waschen - und bietet sich gleich auch ganz dem nicht unbedingt attraktiven mittelalten Verlierer an. Der sagt nicht nein, allerdings mit Hintergedanken: Mit seinem Handy nimmt er das Liebesabenteuer auf und erpresst fortan die in seinen Augen unverdient reiche Hausfrau.

Das Geld soll sie in einer Bibliothek in der Buchausgabe der spanischen Verfassung hinterlegen - weil die eh keiner ausleiht, so Luis Begründung. Die Art, wie Barbara das Geld für ihren Erpresser aufzutreiben versucht, sorgt für die nächste völlig unvorhersehbare Wendung der Geschichte. Und am Ende müssen wegen einer vergleichsweise kleinen Summe viele Menschen ihr Leben lassen.

"Magical Girl" erzählt trotz aller filmischen Originalität und Brillanz des noch jungen Regisseurs Vermut nicht mehr als eine recht banale und leicht misanthrope "cautionary tale", ein warnendes Beispiel, in der die Übertretung in keinem Verhältnis zur Strafe steht. Die vielfachen Anspielungen auf die Krise Spaniens bleiben dabei oberflächlich. Sie wirken lediglich wie Garnituren, die eine konkrete gesellschaftliche Relevanz der Geschichte nur behaupten, nicht aber einlösen.

Abgetrennte Körperteile

Suchte man in San Sebastian nach einem echten spanischen "Krisenfilm", wurde man fündig bei Isaki Lacuestas tiefschwarzer Groteske "Murieron por encima de sus posibilidades". Der Gewinner der Goldenen Muschel aus dem vorletzten Jahr lässt hier fünf Verlierer der spanischen Wirtschaftskrise in Pandakostümen Amok laufen. Sie kapern das Schiff des Chefs der Zentralbank und kehren die Rollen um. Das Prekariat droht den Bänkern ausnahmsweise mal mit tiefen Einschnitten, und zwar ganz wörtlich gemeint: mit dem Abtrennen von Körperteilen.

Lacuestas Film überrascht nicht zuletzt dadurch, dass er immer wieder die Rollen vertauscht: Wer hier Opfer und Täter, oben und unten ist, ist nicht immer genau auszumachen. Die fünf Panda-Rächer verstören mit exzessiver Gewalt, während der Chefbanker gestehen muss, dass er selber die komplexen Mechanismen der Finanzwelt nicht mehr durchschaut.

Und am Ende spielen zwei deutsche Agenten eine entscheidende Rolle - wobei aber unklar bleibt, auf wessen Seite sie eigentlich stehen. "Murieron por encima de sus posibilidades" behauptet nicht, das Chaos der Welt mit Hilfe der Kunst verstehen oder gar ordnen zu können, in seiner ehrlichen Hilflosigkeit war es aber der sympathischste Film eines ansonsten oftmals mediokren Wettbewerbs. Eine Auszeichnung hätte er verdient gehabt.