Auf Filmfestivals geht es stets ungerecht zu. Während man ungeduldig auf den großen kinematografischen Wurf hofft, fallen oft schnelle und apodiktische Urteile über Produktionen, die vielleicht etwas mehr Geduld und Respekt verdient hätten. So kommt ein italienischer Kollege zu spät zur Vorstellung des australischen Wettbewerbsbeitrags „Tracks“ von John Curran, packt aber sogleich nach Einnahme des Platzes sein Essen aus und genießt dasselbe geräuschvoll.

Nach einer Stunde verlässt er den Kinosaal wegen unbekannter Geschäfte und erscheint erst nach einer weiteren halben Stunde wieder im Dunkel, um zu sehen, wie die Schauspielerin Mia Wasikowska 1978 als zivilisationsmüde Heldin Robyn Davidson verdreckt und abgerissen, aber dennoch strahlend schön und siegreich die australische Wüste durchquert. Vielleicht gehören die Postkartenansichten von „Tracks“ nicht in den Wettbewerb eines Festivals wie dem von Venedig. Ganz sicher aber gehört der ungehobelte Kollege nicht ins Kino.

Die amerikanischen Kollegen finden hingegen die neue Regiearbeit von Edgar Reitz (geboren 1932) einfach „horrible“, grauenhaft. Vier Stunden Film in Schwarzweiß und dazu noch ein historischer Stoff. Über kleine Leute, die im Elend leben! Nein, das verkraften die Abgesandten aus Übersee nicht. Drei bunte Stunden „Hobbit“, auch eine Art Heimatfilm, sind für sie kein Problem. Auf „Die andere Heimat“ können sie sich indes nicht einlassen.

Schade, denn das Mammutprojekt von Reitz stellt eine nicht allein anspruchsvolle, sondern auch schöne ethnologische und kinematografische Erkundung dar. Sie führt in den Hunsrück des Jahres 1842 und verhandelt ein Thema, das auch Thomas Arslan in seinem Spätwestern „Gold“ aufgriff: die ökonomisch motivierte Auswanderung der Deutschen nach Übersee im 19. Jahrhundert. Damals zählte Deutschland zu den wichtigsten Auswanderungsländern; heute hat es enorme Schwierigkeiten damit, selbst zu einem Einwanderungsland geworden zu sein.

In „Die andere Heimat“ repräsentiert Brasilien die Sehnsuchtsregion, in der sich der Traum vom besseren Leben erfüllen soll, jedoch nicht für den jungen Jakob, der ihn träumt. Dass sein Leben deswegen nicht misslingen muss, zeigt Reitz in klaren, schönen Tableaus, die der Arbeit in früheren Zeiten und vergessenen Kulturtechniken, etwa der Handweberei, ebenso ein Denkmal setzen wie den Opfern damaliger feudalistischer Verhältnisse. Nicht allein Hunger und Armut waren groß; männliche Landeskinder wurden vom König auch als Soldaten verkauft, um die Kasse zu füllen. Als Sondervorführung außer Konkurrenz erlebte „Die andere Heimat“ seine würdige Premiere in Venedig.

Der 1978 in Paderborn geborene deutsche Regisseur Rick Ostermann schlägt ein anderes, schwierigeres Kapitel deutscher Geschichte auf. Sein Film „Wolfskinder“ (in der Sektion „Orizzonti“) erzählt von deutschen Kriegswaisen im ehemaligen Ostpreußen 1946. Nachdem ihre Mutter verhungert ist, versuchen sich der zwölfjährige Hans und sein kleiner Bruder Karl nach Litauen durchzuschlagen, zu einem Bauernhof, Bekannten der Mutter. Zwei Mädchen und ein weiterer kleiner Junge schließen sich ihrer gefährlichen Odyssee an. Denn überall sind sowjetische Soldaten, die diese in den Wäldern herumirrenden Kinder umstandslos töten. Die Waisen passieren Höfe, wo Familien ermordet im Garten liegen, während nasse Wäsche auf den Leinen flattert. Geschändete Frauenleichen immer wieder. Und eines Tages sind die beiden Mädchen, die am Wegrand auf Hans warten sollten, einfach verschwunden; von fern hört man einen sowjetischen Jeep.

Dass grausame Verhältnisse auch die Kinder grausam machen, zeigt dieser Film. Er erinnert an die Not der Kriegswaisen. Von litauischer Seite aus gesehen ist „Wolfskinder“ gewiss ein Meilenstein: eine Art späte Aufarbeitung der russischen Besatzung, welcher auch viele Litauer zum Opfer fielen. Von deutscher Seite aus gesehen erzählt Ostermanns Regiearbeit deutsche Opfergeschichte und russische Tätergeschichte. Auch das ist eine Realität des Kinos heute.