An diesem Tag im Jahr 2011 wird kurz nach sechs Uhr abends Uhr ein Wagen gestohlen, in dem man dann gut vier Stunden später einen Amerikaner entführt im pakistanischen Lahore. Während dieser Mann niedergeschlagen und ins Auto gezerrt wird, steigert sich die Musik ekstatisch bei einer Gesellschaft, zu deren Gästen auch Changez Kahn gehört, ein brillanter Finanzanalytiker und Uni-Professor. Diesen vermeintlichen Kopf sogenannter militanter Akademiker Lahores beobachtet die CIA schon eine Weile, denn sie verdächtigen ihn, unter den Studenten Nachwuchs für die Mujaheddin anzuwerben. Nun soll der Journalist Bobby Lincoln dem Geheimdienst dabei helfen, an Changez heranzukommen - durch ein Interview, in dem der Pakistani seine ganze Geschichte darlegen will. 

Es ist dies die Geschichte einer enttäuschten Liebe – zu Amerika. Der Schriftsteller Moshin Hamid hat sie erzählt in seinem Roman „The Reluctant Fundamentalist“, den die indisch-amerikanische Regisseurin Mira Nair nun fürs Kino adaptiert hat.

Gescheiterte Integration nach 9/11

Am Mittwochabend eröffnet dieser Film über einen unwilligen Fundamentalisten nun das 69. Filmfestival von Venedig. Thematisch ist das ein Statement, geht es hier doch um einen Menschen, dessen Bemühungen, in der westlichen Kultur integriert zu leben, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zum Scheitern verurteilt sind. Dabei gehörte Changez (Riz Ahmed), dessen Familie in die USA kam, als er 18 war, eigentlich schon dazu: erst ein exzellenter Studien-Abschluss, dann ein Prestige-Job in einer großen, international operierenden Unternehmensberatung und dazu eine amerikanische Freundin (Kate Hudson), eine Künstlerin. Zwischen New York und Manila sorgte Changez dafür, dass Firmen ihren Wert steigerten, indem sie effektiver operierten. Das heißt, er sorgte dafür, dass unprofitable Branchen geschlossen oder verkauft und viele Leute entlassen wurden – und er war sehr gut darin, so gut, dass es seinen Vater, einen Punjab-Dichter, zornig machte.

Doch nach dem 11. September ändert sich so viel: Changez hat gar nicht erst die Chance, Partei zu ergreifen für die USA oder auch die Moslems. Das hat die US-Regierung schon für ihn getan, indem sie ihn quasi wie einen feindlichen Ausländer behandelt. Im Verlauf eines scharfen Desillusionierungsprozesses kehrt Changez immer stärker zu seinen Wurzeln, den Traditionen seiner Herkunft zurück. Erst lässt er sich einen Bart wachsen; dann kehrt er nach Lahore zurück, um an einem „pakistanischen Traum“ zu arbeiten mit den Studenten. Es ist ein Traum von wirtschaftlicher und kultureller Souveränität.

Ausgenutzt vom Journalisten

Diese Geschichte also erzählt Changez dem Journalisten Bobby (Liev Schreiber) - und wird doch nur benutzt von dem. Doch das ist nicht das Bestürzende an diesem Film, in dem die Religion des Islam übrigens bis fast zum Ende hin nicht erwähnt wird, ebenso wenig wie Allah. Bestürzend wirkt vielmehr, wie überzeugend man Changez’ Ablösung von der westlichen Kultur als Befreiung erlebt. Der junge Mann wirft das alles von sich, lässt sie hinter sich: die Maskenhaftigkeit, Selbstüberhebung, Fremdenfeindlichkeit. Und da er nie wieder, wie noch als Analyst, aus der Distanz über das Schicksal ihm völlig unbekannter Menschen entscheiden will, versteht es sich, dass er sich auch den Mujaheddin, dem Terror und Al-Qaida nicht anschließt.

Trotzdem kein guter Film

Als Grenzgängerin zwischen den Kulturen ist Mira Nair– sie lebt in New York, Kampala und Dehli -  deren glaubhafte Zeugin. Aber das Polit-Drama „The Reluctant Fundamentalist“ ist deswegen noch kein guter Film – dafür hüpft Nair viel zu sehr wie ein aufgeregtes Hündchen um ihre Figuren herum, geht sie zu nachlässig mit deren Motiven um in der Inszenierung, gewichtet sie nicht genug. Die filmische Form verhält sich zum Gegenstand wie ein kupferner Teelöffel zu einer Tonne Salz. Ähnlich misslang Nair schon die Adaption von Thackerays „Jahrmarkt der Eitelkeiten“, die vornehmlich den Eitelkeiten opferte. Hier bleibt immerhin das Salz. „The Reluctant Fundamentalist“ mag zwar kein guter Film sein, aber es ist zweifellos ein wichtiger Film.