Das Publikum im großen Saal des Palazzo del Cinema hat es sich nicht nehmen lassen: Als Bernardo Bertolucci, Jurypräsident der 70. Filmfestspiele von Venedig, am vergangenen Sonnabend zur Preisverleihung im Rollstuhl auf die Bühne fuhr, gab es Standing Ovations für den Regisseur von „Der letzte Tango in Paris“, „1900“ oder auch „Der letzte Kaiser“. In dem Dokumentarfilm „Bertolucci on Bertolucci“, der hier in der Retrospektive lief, verglich sich der große Filmautor scherzhaft mit einem unabhängigen Filmemacher, der in die kommerzielle Welt des Kinos eingedrungen sei, um sie durcheinander zu bringen. Ist mit diesem Durcheinander etwa die eigentlich unbegreifliche Entscheidung für den Preisträger des Goldenen Löwen gemeint?

Inhaltlich lässt sich nämlich kaum begründen, weshalb der bieder fotografierte, haltungslose und letztlich inhaltsleere Dokumentarfilm „Sagro GRA“ von Gianfranco Rosi an so vielen preiswürdigen und in ihrer Machart vielfältigen Spielfilmen vorbeizog. Neunzig Minuten lang folgt dieser Film Menschen, die die römische Ringstraße GRA (Grande Raccordo Anulare) befahren, in ihrer Nähe wohnen oder arbeiten. Man begegnet einem Aalfischer, einer in die Jahre gekommenen Prostituierten, einem Rettungswagensanitäter, einem Insektenforscher, einem Aristokraten, der seinen Palazzo für Fotoshootings vermietet, und einer Handvoll weiteren Personen. So interessant diese Figuren auch sein mögen und so interessant ihr Leben am Rande sein mag, so wenig ergibt sich aus Rosis sprunghafter Aneinanderreihung doch ein filmischer Rhythmus, der in den Alltag oder in die Gedanken dieser Menschen hineinführt. Stets verharrt die Kamera in der unverbindlichen Entfernung der Halbtotalen, so dass sich keinerlei Gefühl für Orte, Wohnungen, Arbeitsbedingungen offenbart.

„Sacro GRA“ ist nach der Goldenen Palme in Cannes im Jahr 2004 für Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ über die US-amerikanische Politik nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 der zweite Dokumentarfilm, der den Hauptpreis eines der drei wichtigsten Kinofestivals der Welt gewinnt. Aber auch in politischer Hinsicht bleibt Rosis Gewinnerfilm unerheblich, weil sein Blick auf Randgebiete sich nicht mit sozialen Wirklichkeiten oder dem Zustand einer Gesellschaft verknüpft.

Unruhe im System

„Sacro GRA“ ist jedenfalls kein Film, der im von Bertolucci formulierten Sinn Unruhe ins System des Kinos bringt oder das Publikum herausfordert. Verständlicher ist da schon die Auszeichnung des allgemeinen Favoriten „Philomena“ mit dem auf den ersten Blick mageren Drehbuchpreis. Vielleicht hat man sich hier gesagt, dass Stephen Frears’ kluger und bewegender Film über eine ältere Irin, die sich auf die Suche nach ihrem verlorenen Sohn macht, ohnehin seinen Weg ins Kino und zu den Zuschauern finden wird. Vollkommen unverständlich ist es jedoch, mit einer ähnlichen Argumentation der großen Schauspielerin Judi Dench (78) den Preis als beste Darstellerin zu verweigern. Denn Dench spielt über alle Kategorien von Kommerzialität und Nichtkommerzialität hinweg. Die Italienerin Elena Cotta (82) hingegen, die den Darstellerinnenpreis für ihre Rolle einer sturen alten Frau in dem Film „Via Castellana Bandiera“ bekam, bewegt sich – wenn auch auf sympathische Weise – einfach in einer anderen Liga.

Zumindest zwei Preisträger sorgten wirklich für Unruhe auf dem Festival und brachten die verstörendsten Bilder an den Lido. Philip Grönings „Die Frau des Polizisten“ (Spezialpreis der Jury) und Alexandros Avranas’ „Miss Violence“ (Regiepreis; Preis als bester Darsteller) zwängen die Themen häusliche Gewalt und Missbrauch nicht in eine klassische Filmerzählung, sondern stellen sich vielmehr der Unkonsumierbarkeit ihres Stoffs. Es sind genau solche Filme, die ein Festival braucht. Nicht weil sie schockieren oder provozieren, sondern weil sie auch zeigen, dass genau inszenierte Bilder immer noch besser von der Wirklichkeit erzählen können als so mancher ungenaue Dokumentarfilm.