Arbeiter vollenden die Einrichtung des Kinopalastes für die Eröffnung der 77. Filmfestspiele von Venedig vom 2. bis zum 12. September. 
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VenedigSorglos am Lido, das ist in diesen Tagen wohl am ehesten das deutsche Mitglied in der Internationalen Jury, Filmemacher Christian Petzold. Vier Wochen lag er im Sommer selbst mit dem Covid-19-Virus im Bett. „Das war scheußlich. Aber wenn man krank ist, guckt man ja sehr viel Fernsehen, das war ja schon als Kind so. Und jetzt weiß ich wenigstens: Mit Amazon und Netflix – das hat keine Zukunft. Schon nach einer Woche war das stinklangweilig.“

Nicht nur gegen den Corona-Erreger dürfte Petzold damit – nach aller Wahrscheinlichkeit – immun sein. Auch gegen die Überlebensangst der Branche, die in den vergangenen Jahren beim ältesten Filmfestival der Welt ein Dauerthema war. Anders als in Cannes sind Produktionen von Streamingdiensten hier zugelassen, und 2018 gewann Alfonso Cuarón mit der Netflix-Produktion „Roma“ sogar den Goldenen Löwen. Doch die Portale, so Petzold, könnten weder kuratierte Programme bieten noch ein Gemeinschaftserlebnis. „Was gibt es denn Schöneres, als gemeinsam Filme zu sehen und danach darüber zu reden, wie wir das jetzt in der Jury tun, die Cate Blanchett leitet?“

Am 2. September beginnen in Venedig die 77. Filmfestspiele. Doch aus dem Gemeinschaftserlebnis, das sich hier bis zuletzt einen ganz besonderen, familiären Charakter bewahren konnte, ist ein Distanzerlebnis geworden. In dem idyllischen Inselreich tauschte man gerne noch in den Warteschlangen letzte Empfehlungen aus, nirgendwo kam man leichter in Kontakt. Jetzt herrschen selbstredend die üblichen Mindestabstände und zur Vermeidung der Schlangen wird das halbierte Platzkontingent bereits drei Tage im Voraus online vergeben. Beim Betreten des Festivalgeländes wird bei jedem Gast die Temperatur gemessen. Maskenpflicht herrscht nach aktuellem Stand sogar während der Vorführungen. Nur eines wollte man um jeden Preis vermeiden: die Wettbewerbsfilme lediglich über digitale Streams anzubieten.

„Wir sind vielleicht das einzige große Filmfestival diesen Herbst“, erklärte Festivaldirektor Alberto Barbera bei der Vorstellung des Programms, das sein Team wie stets seit März gesichtet hatte. „Wir wollten der Industrie ein starkes Zeichen der Solidarität geben. Der Lockdown muss ein Ende haben. Wir müssen die Kinos wieder öffnen, natürlich nach allen Erfordernissen für die Sicherheit.“ Man rechnet mit der Hälfte der Akkreditierten, zwei zusätzliche Freiluftkinos wurden eingerichtet. Verändert aber hat sich auch das Filmangebot. Nachdem im vergangenen Jahr noch „Joker“ gewonnen hatte, fehlen die beliebten Hollywoodblockbuster diesmal vollständig. Wenn die Filme nicht parallel in den USA herauskommen können, lohnt sich der Aufwand für die meisten Studios nicht. Der Wagemut, den Warner Brothers gerade mit Christopher Nolans „Tenet“ beweist, der zunächst nur in Europa läuft, ist bislang einmalig. Für Jury-Mitglied Christian Petzold ist die Abwesenheit der Blockbuster auf jeden Fall eine gute Nachricht, ebenso wie der hohe Anteil kleinerer Filmländer: „Da kann theoretisch jeder Tag ein großer Kinotag werden.“

Aber wie wird es auf dem roten Teppich aussehen, wenn Filme aus Indien und Brasilien Premiere haben, deren Teams derzeit nicht nach Italien einreisen dürfen? Immerhin kommt das Festival nach elf Jahren wieder zu einem Eröffnungsfilm aus dem eigenen Land: „Lacci“ von Daniele Luchetti ist ein neapolitanisches Ehedrama nach einem Roman von Domenico Starnone. Zugleich ist der Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb mit acht von achtzehn höher als je zuvor – was auch immer das mit Corona zu tun haben mag. „Vielleicht sollte man den Wettbewerb in diesem Jahr ‚Neue Horizonte‘ nennen“, bemerkte Cate Blanchett gegenüber dem Branchenblatt „Variety“ in Anspielung auf die Nebensektion des Festivals.

Dreizehn Filme im Wettbewerb stammen von neuen Filmemachern, die zuvor noch nie im Wettbewerb von Venedig vertreten waren. Was Skeptikern die Sorge bereitet, die diesjährige Ausgabe könnte unter den Ansprüchen des neben Cannes und Berlin berühmtesten Festival zurückfallen, sieht Blanchett ausgesprochen positiv: „Das Publikum möchte Filme sehen, die es inspirieren und Debatten befeuern. Und es ist wunderbar, wenn dann der Abspann abläuft und es sieht: Oh mein Gott, über vierzig Prozent der Regisseure sind Frauen.“ Tatsächlich hatte Barbera bereits vor zwei Jahren erklärt, dass für 2020 eine 50/50-Quote angestrebt werde. Es hätte auch weitere Beiträge gegeben, die infrage gekommen wären, nur seien sie durch die Pandemie nicht rechtzeitig fertig geworden.

Einer der vielversprechendsten Wettbewerbsbeiträge, „Nomadland“ der Amerikanerin Chloé Zhao, wurde bereits im Herbst 2018 im ländlichen Nevada gedreht. Frances McDormand, die den Film auch produzierte, spielt die Hauptrolle einer modernen Nomadin: Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch einer Kleinstadt zieht sie in einen Campingbus und findet in den abgeernteten Feldern einen neuen Lebensraum. Echte Nomadinnen und Nomaden sind ihre Spielpartner.

Auch McDormand wird wohl nicht persönlich in Venedig sein, andere schicken ihrer Teilnahme umso leidenschaftlichere Bekenntnisse voraus. Pedro Almodóvar, der mit Tilda Swinton Jean Cocteaus berühmten Einakter „Die geliebte Stimme“ verfilmte, erklärt beinahe makaber: „Ich freue mich, nach Venedig in so einem denkwürdigen Jahr zu reisen, mit Covid-19 als ungebetenem Gast. Alles wird anders sein, und ich freue mich darauf, das selber zu entdecken.“ Als täte das Festival nicht alles, um dem ungebetenen Gast keinen Zutritt zu gewähren.

Eines ist schon am Eröffnungstag klar: Wer dieses Jahr nach Venedig kommt, zu einem Festival mit wenigen Stars und reichlich Mühsal, der möchte ein Zeichen für das Kino setzen. Cate Blanchett lobt ausdrücklich, dass das Festival sogar noch ein paar Plätze für das allgemeine Publikum anbietet: „Ich finde es wundervoll. Wenn Prozesse wie die Preis-Saison oder die Festivals oder die normalen kreativen Prozesse eintrocknen, dann wird daraus eine denkbar unkreative Umgebung. Wenn es also irgendeine Möglichkeit gibt in der gegenwärtigen Situation, Wertschätzung für diese Arbeit auszudrücken, muss man sie nutzen.“