Es ist ein Bild, das sich nicht abschütteln lässt. Weil dieser Film mit einem unwiderruflichen Ende beginnt: Ein elfjährigen Mädchen löst sich während seines Geburtstagsfests von der Familie, geht auf den Balkon und springt lächelnd in die Tiefe. Was ist das für eine Welt, die ein Kind erleichtert verlässt? Mit unerschrockenem Blick betritt der griechische Film „Miss Violence“ die Hölle einer Familie, hält in strengen Tableaus eine Gewalt fest, die nicht Ausnahmezustand, sondern Alltag ist. In Reih und Glied müssen Kinder und Enkelkinder vor dem Großvater antreten. Die beklemmende Stimmung geht auch auf dem Zuschauer über. Und während er sich fragt, wer hier Tochter und wer Enkelin ist, tut sich langsam und geräuschlos ein Abgrund auf.

„Miss Violence“ von Alexandros Avranas ist der bisher umstrittenste Wettbewerbsbeitrag des 70. Filmfestivals von Venedig, weil er uns das Unzumutbare zumutet. Die Abwehr, mit der viele Zuschauer auf den Film reagierten, hängt vielleicht mit der Aussichtslosigkeit zusammen, die seine Bilder erfüllt. „Miss Violence“ macht die ungeheuerliche Dynamik des Missbrauchs begreiflich, indem er zeigt, dass die Verletzungen, die die Mädchen erleiden, sie zu gefühllosen, ohnmächtigen Wesen hat werden lassen. Man beginnt zu verstehen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, den anderen oder sich selbst zu helfen, dass die Gewalt Menschen zu Gefangenen auch ihrer selbst macht.

Auch Scarlett Johansson scheint keine Gefühlsregungen zu kennen: In Jonathan Glazers Science-Fiction-Film „Under the Skin“ spielt sie eine Alien, die durch die verregnete, schottische Landschaft fährt. Man erfährt nicht, woher sie kommt und was ihre Mission ist. Man sieht nur, wie sie Informationen und Männer sammelt, die sie in einer schwarzen Flüssigkeit konserviert. Mit seiner hyperrealistischen Tonspur und seinen unterkühlten Bildern ist „Under the Skin“ einer der merkwürdigsten Filme dieses Festivals.

Irritierende Stilübungen

Irritierende Stilübungen; Schauspielerinnen, die das eigene Image ausschalten; Filme, die extreme Formen für extreme Inhalte finden, Auseinandersetzungen mit politischen Wirklichkeiten – solche Achterbahnfahrten des Kinos gehören zum Wesen eines Festivals. Und manchmal führt das Querlesen und Vergleichen von Filmen zu überraschenden Effekten. Etwa wenn man feststellt, dass der einstige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld mit der gleichen alienhaften Teilnahmslosigkeit auf die Welt blickt wie Johanssons Außerirdische. So als habe er gar nichts zu tun mit diesem kleinen politischen Fehler, der da im Irak passiert ist.

In Errol Morris’ Dokumentarfilm „The Unknown Known“ spricht Rumsfeld über die US-Außenpolitik der letzten Jahre. Er analysiert den Umgang mit militärischen und politischen Fehlern und Katastrophen und kommt, flankiert von allerlei selbstgeschmiedeten Aphorismen, zum Schluss, dass Fehler nun mal passieren. Im Zentrum des Films stehen die „Snowflakes“, Zehntausende von Notizen und Memos, die Rumsfeld als Kongressabgeordneter, Ratgeber von vier US-Präsidenten und Verteidigungsminister an Kollegen und Mitarbeiter schrieb.

Großartiges Material für einen Dokumentarfilm, der kurz vor einem möglichen Eingreifen der USA in Syrien Einblick geben könnte ins Strategiedenken einer Supermacht. Könnte man denken. Allerdings ist „The Unknown Known“ kein kritisches Porträt des „Architekten des Irak-Kriegs“, sondern die unwidersprochene Selbstdarstellung eines Politikers. In Interviewhäppchen plaudert Rumsfeld selbstgerecht vor sich hin. Durch seine flotte Montage lässt Morris dem Zuschauer nicht einmal die Zeit, einem Lügner beim Lügen zuzusehen.