Es ist ein Bild, das sich nicht abschütteln lässt. Weil dieser Film mit einem unwiderruflichen Ende beginnt: Ein elfjährigen Mädchen löst sich während seines Geburtstagsfests von der Familie, geht auf den Balkon und springt lächelnd in die Tiefe. Was ist das für eine Welt, die ein Kind erleichtert verlässt? Mit unerschrockenem Blick betritt der griechische Film „Miss Violence“ die Hölle einer Familie, hält in strengen Tableaus eine Gewalt fest, die nicht Ausnahmezustand, sondern Alltag ist. In Reih und Glied müssen Kinder und Enkelkinder vor dem Großvater antreten. Die beklemmende Stimmung geht auch auf dem Zuschauer über. Und während er sich fragt, wer hier Tochter und wer Enkelin ist, tut sich langsam und geräuschlos ein Abgrund auf.

„Miss Violence“ von Alexandros Avranas ist der bisher umstrittenste Wettbewerbsbeitrag des 70. Filmfestivals von Venedig, weil er uns das Unzumutbare zumutet. Die Abwehr, mit der viele Zuschauer auf den Film reagierten, hängt vielleicht mit der Aussichtslosigkeit zusammen, die seine Bilder erfüllt. „Miss Violence“ macht die ungeheuerliche Dynamik des Missbrauchs begreiflich, indem er zeigt, dass die Verletzungen, die die Mädchen erleiden, sie zu gefühllosen, ohnmächtigen Wesen hat werden lassen. Man beginnt zu verstehen, dass sie nicht mehr in der Lage sind, den anderen oder sich selbst zu helfen, dass die Gewalt Menschen zu Gefangenen auch ihrer selbst macht.

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