Tilda Swinton mit dem Golden Löwen für ihr Lebenswerk bei der Festival-Eröffnung auf der Biennale di Venezia.
Foto: Dave Bedrosian/Imago

Venedig/BerlinAuch zu Abendkleidern passen Masken, wo wüsste man das besser als in Venedig. Doch die wenigen Gäste, die sich am Mittwochabend tapfer in Schale geworfen hatten, erwarteten diesmal keine Paparazzi. Der Maskenball findet nicht statt. Es ist eine Feier des Films – aber keine Party, und der Palazzo del Cinema gleicht einer Trutzburg. Selbst die Zaungäste sind wirksam abgeschreckt, hinter weißen Sperrholzwänden versteckt ist die liebevolle Deko. Zu tief sind die Wunden der Pandemie in Italien, als dass man selbst im Außenbereich noch Menschenansammlungen tolerieren würde.

Wer hierher gekommen ist, der will ein Lebenszeichen setzen für den Film. Dafür heißt es: Maskentragen rund um die Uhr – und während der Filme kein Schlückchen aus der Wasserflasche. Aber es heißt nicht, dass für die gute Sache nur noch gute Kritiken geschrieben werden, das dürfte sich schon beim Eröffnungsfilm erweisen.

Immerhin ist Daniele Luchettis italienische Romanverfilmung „Lacci“ alles andere als ein „feel good movie“, wie sie von deutschen Festivals so gerne ausgesucht werden. Aus Domenico Starnones schmalem Bändchen um einen bildungsbürgerlichen Familienvater in Neapel, der seine Familie durch eine neue Beziehung ins Unglück stürzt, ist kein großer Film geworden. Auch wenn die unchronologisch aufgefächerten Situationen für sich genommen stimmig sind, führt gerade der psychologische Realismus langsam ins Banale. Es ist die Art von Edel-Soap, wie sie sich wohl auch der Protagonist, ein spießiger Moderator einer Kultursendung, gerne angesehen hätte. Ob es wohl eine Qualitätsentscheidung war, das Drama nur außerhalb des Wettbewerbs zu zeigen? Der begann weit vielversprechender mit der ersten von acht Filmemacherinnen, die diesmal – nah an der angestrebten Balance – auf zehn männliche Kollegen treffen.

Dabei ist Nicole Garcias französischer Beitrag „Amants“ auf den ersten Blick nichts anderes als eine Wiederbelebung einer alten Spielart des Liebesdramas. In diesem Fall führt sie in den Film noir, wenn ein junges Paar gleich zu Beginn aus seinem Paradies verstoßen wird. Der junge Mann dealt mit Drogen, und als einer seiner Kunden in Gegenwart der beiden stirbt, macht er zu ihrer Sicherheit Schluss mit seiner Freundin. Als man sich nach ein paar Jahren wieder trifft, ist sie mit einem reichen Mann verheiratet, den sie nicht liebt – und das alte Feuer lodert wieder auf.

Minimalistisch, doch mit einem Gespür für die Kinomagie wirkungsvoller Spielorte macht sich Garcia ihre Genresvorlagen zu eigen. Die Kühle der Wohnung des jungen Mannes betont dieser noch einmal, als er für die Freundin mit dem Videoprojektor einen Lieblingsfilm an die Wand wirft: Stanley Kubricks Frühwerk „The Killing“, eine böse Warnung. Dass sich das Paar später in der Südsee wieder trifft, was andere Freiheitsträume nährt, erklärt die Regisseurin dagegen als Hommage an Joseph Conrads Roman „Lord Jim“, den Richard Brooks verfilmte. Einmalig ist dagegen die subtile Verlagerung der Perspektive auf die traditionell oft zur Passivität verdammte Femme fatale in solchen Konstellationen. Das Schauspielertrio Pierre Niney, Stacy Martin und Benoît Magimel füllt das Konstrukt in jedem Augenblick mit Leben. Man kann gespannt sein, was Jury-Mitglied Christian Petzold dazu sagen wird, der mit „Jerichow“ auf ganz ähnliche Weise einen modernen Film noir anlegte.

Nicht weniger grandios eröffnete die Nebensektion Orrizonti mit dem griechischen Beitrag „Mila“ (Apples) von Christos Nikou. Als Regieassistent hatte dieser bereits Anteil an Yorgos Lanthimos’ absurden Kammerspiel „Dogtooth“, das 2009 die „griechische Welle“ im Kunstkino begründete. Auch in seinem Regiedebüt bleibt er dem Erfolgsrezept der meisten dieser Filme treu, einem surrealistisch gefärbten Blick auf gesellschaftliche Codes und das ungeschriebene Regelwerk menschlichen Zusammenlebens. Angesiedelt ist „Apples“ in einer dystopischen Gesellschaft nach einer Pandemie, die Krankheit hat eine große Patientengruppe mit Gedächtnisverlust hinterlassen. Um einen namenlosen Protagonisten wieder an das soziale Leben zu gewöhnen, werden ihm von seinen Ärzten Aufgaben gestellt, die er mit Polaroidfotos dokumentieren soll. Wie in einem Agentenfilm erhält er seine Aufträge auf Audiokassetten.

Es ist faszinierend, wie Nikou durch wenige Nuancen einerseits eine auf den Kopf gestellte Gesellschaft porträtiert, anderseits aber etwas Unsichtbares wie die veränderte Wahrnehmung beschreibt. So wie derzeit Albert Camus’ existentialistischer Klassiker „Die Pest“ wieder auf den Bestsellerlisten erscheint, dürfte „Apples“ weithin als Kommentar zur Corona-Befindlichkeit verstanden werden. Es mag ein Zufall sein, aber wie hier über den Verlust des vermeintlich Selbstverständlichen reflektiert wird, das ist schon prophetisch. So wie sich Covid-19 vielfach mit dem Verlust des Geruchssinns ankündigt, muss der Protagonist seinen Geschmackssinn neu sortieren. Das hat auch sein Gutes: Da er sich nicht mehr erinnern kann, ob er Äpfel mag, darf er alle Sorten neu probieren.

Es war die größte Sorge vieler Filmschaffenden, dass sich das Publikum der Streaming-Portale das Kinogehen abgewöhnt, weil es irgendwann einfach vergessen haben könnte, was für ein Geschmack das ist. In Venedig arbeiten gerade ein Festival und sein Publikum daran, dass dies niemals geschieht.