Mitten im Festivaltrubel von Cannes erreicht uns eine hoch interessante E-Mail. Einer Kollegin wurde der Zugang zu einer Spätvorstellung im Premierenkino verweht, obwohl sie ein elegantes langes, schwarzes Kleid trug und über die korrekten Zugangsberechtigungsmarken verfügte. Doch an den Füßen hatte die Frau zwar ebenfalls elegante, aber flache Schuhe. Ein Kapitalverbrechen an der Treppe zum Palais des Festivals, wo militanter High-Heel-Zwang herrscht. Zwei weiteren flachbeschuhten Damen erging es ebenso.

High-Heel-Zwang

Alle drei durften der Séance im Grand Théâtre Lumière nicht beiwohnen. Was geschieht eigentlich mit älteren Festivalgästen, deren Füße den hohen Absätzen nicht mehr standhalten? Werden diese ebenso diskriminiert? Man sollte am roten Teppich jene High Heels aus Schokolade verteilen, welche der Süßwarenladen in der Einkaufsstraße Rue d’ Antibes feilbietet, und den Damen ansonsten die freie Wahl des Schuhwerks lassen.

Pikanterweise betraf das Flach-Verbot eine Vorstellung des Films „Mon Roi“, dessen Regisseurin Maiwenn als eine von nur zwei Frauen im Wettbewerb konkurriert. Die zweite, die Französin Valérie Donzelli, überraschte mit einem Inzestdrama, das überbordend eklektizistisch eingerichtet ist. Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt Donzelli in „Marguerite et Julien“ von den Geschwistern de Ravalet, die sich von Kindheit an liebten und 1603 wegen Inzests in Paris zum Tod verurteilt und hingerichtet worden waren. Das Thema soll bereits François Truffaut fasziniert haben.

Donzelli siedelt ihren Film nun in keiner bestimmten Zeit an, sondern lässt Pferdekutschen neben Autos aus den 1960er-Jahren fahren, Strickpullover im Preppy-Stil friedlich mit Biedermeierkleidern koexistieren. Das heimatliche Schloss der Geschwister wirkt wie aus Grimms Märchen, und irgendwann brummen sogar Helikopter am Himmel. All diese Anachronismen fügen sich organisch in die Erzählung einer jungen Frau, die Kindern in einem Heim vor dem Einschlafen vom Fall Ravalet berichtet. Im Wettbewerb von Cannes gehört „Marguerite et Julien“ zu jenen Filmen, die sich mit einem enormen Überschuss an Inszenierung und Narration der Wirklichkeit stellen.

Ein großartiger, stiller Film

Am Montag wurde an der Croisette die Wiederkehr des Animationsstudios Pixar gefeiert, das seit einiger Zeit zu Disney gehört und außerhalb des Wettbewerbs mit „Inside Out“ einen bunten Kurs in Psychologie bietet, allerdings eher für fortgeschrittene Kinder jeden Alters. Im Mittelpunkt steht hier die elfjährige Riley, die mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco zieht, weil der Vater dort einen neuen Job angenommen hat. Der Verlust alter Freunde und Gewohnheiten und die schwierige Adaption an die neue Umgebung lösen in dem Kind widerstreitende Gefühle aus, die in originellen Figuren versinnbildlicht werden. So sucht etwa die Freude die Traurigkeit ständig daran zu hindern, Rileys Kernerinnerungen zu infiltrieren – und begibt sich dann mit dem konträren Gefühl auf eine neuronale Reise, mit Zwischenstopps im Langzeitgedächtnis und Traumzentrum.

Um Gefühle, Erinnerungen sowie Bilder und wie diese trügen können, geht es im Wettbewerbsbeitrag des jungen Dänen Joachim Trier, der mit „Oslo, 31. August“ international auf sich aufmerksam machte. „Louder Than Bombs“ ist Triers dritte Regiearbeit und seine erste englischsprachige, hochkarätig besetzt mit Jesse Eisenberg, Gabriel Byrne und Isabelle Huppert. Zwei Jahre nach dem Tod der Mutter, die als Fotografin in den Krisenregionen der Welt unterwegs war, ringen der Witwer und die beiden Söhne um die Wahrheit ihrer Beziehung zueinander und um die über das Ableben der Mutter. Mit größter Leichtigkeit verbindet Joachim Trier auf verschiedenen ästhetischen Ebenen Exkurse über die Politik der Bilder mit einer Geschichte von Zurückbleibenden, die ihre Trauer und Unfähigkeit zur Kommunikation bewältigen müssen. Ein großartiger, stiller Film – der indes wohl nicht in Betracht kommt für die Palme d’Or.

Ebenso wenig wie der neue Film des Regisseurs Denis Villeneuve, der mit „Prisoners“ einen neuen Zugang zu Gewaltdarstellungen suchte. In „Sicario“ nimmt der 1967 geborene Kanadier mit dem Überlebenden-Motiv eins der großen Themen des 68. Festivals von Cannes auf, inszeniert es aber als Thriller. Die junge US-Polizistin Kate (Emily Blunt) wird hier ins illegale Vorgehen staatlicher Behörden initiiert, als sie von der CIA für eine Aktion an der texanisch-mexikanischen Grenze rekrutiert wird. Um an den Boss eines Drogenkartells und dessen Vertrauten heranzukommen, wird nicht nur Folter eingesetzt, sondern auch getötet – auf nichtamerikanischem Territorium.

Totale Entfremdung

Solche Geschichten erzählt das Hollywood-Kino immer wieder, doch die besondere Qualität von Villeneuves Inszenierung liegt darin, wie er Bedrohung in totale Entfremdung einfasst. Während der Folter richtet sich das Kameraauge auf einen Abfluss, nicht auf das Opfer. Und Kate verfügt nur über marginale Informationen; sie bewegt sich in einem System, das sie nicht durchschaut und in dem sie als Köder benutzt wird. Infrarotaufnahmen und Bilder durch Nachtsichtgeräte zeigen die Spezialeinheit als depersonalisierte Akteure einer Politik, die „im Land der Wölfe“, zwischen illegalen Einwanderern und Kartellen, ihre Ziele mit allen Mitteln verfolgt. Großartiges Unterhaltungskino gehört zu Cannes wie High Heels aus Schokolade mit rotem Pfeffer.

Die Goldene Palme wird am 24. Mai 2015 vergeben. 19 Filme konkurrieren um den begehrten Hauptpreis des Festivals von Cannes.