Filmfestspiele in Cannes: Die ultimative Erfahrung

Cannes - Mrs. Doubtfire saust auf ihrem Elektromobil durch die Gassen von Cannes. Munter winkt das ältliche Kindermädchen aus dem gleichnamigen Hollywood-Film Passanten zu. Alles stimmt: die eisern ondulierte Frisur, die Hornbrille, die gestärkte weiße Bluse, der vernünftige Rock. Die Mrs. Doubtfire von Cannes ist eine heitere Erinnerung an Robin Williams, der die Rolle einst verkörperte. Verkleidungskünstler und Exhibitionisten konkurrieren während des Filmfestivals an der Côte d’Azur ebenso um die Aufmerksamkeit des Publikums wie die vielen Filme im Wettbewerb und in den Nebenreihen.

Die aufmerksamkeitsökonomisch besten Karten haben Altmeister und Kinolegenden. Woody Allens neuen Film will fast jeder sehen; er sorgt für lange Schlangen vor dem Premierenkino Grand Théâtre Lumière im Palais des Festivals. „Irrational Man“ ist einer dieser kleinen, fiesen Filme, die Allen einschiebt zwischen den Komödien. Erzählt wird hier von einem Philosophie-Professor um die 40, dem ein gewisser Ruf vorauseilt, als er an das elitäre Ostküsten-College Braylin kommt. Abe ist brillant, aber auch von existenzieller Verzweiflung, Kierkegaards Krankheit zum Tode, besessen – nichts macht ihm mehr Spaß.

Auf einer Studentenparty spielt er russisches Roulette mit der Waffe des Gastgebers. Die Studentin Jill (Emma Stone) und die Dozentin Rita (Parker Posey) fühlen sich von dem getriebenen Mann angezogen, den Joaquin Phoenix spielt – und zwar als ironisches Spiegelbild seines eigenen Images als Hollywood-Star. Das ist allein schon köstlich. Als Abe die Klage einer Unbekannten belauscht, der ein korrupter Richter das Sorgenrecht für ihre Kinder abzusprechen droht, beschließt er, den Rechtsverdreher zu töten, um der Frau zu helfen.

Um Obsessionen und die Frage, ob man etwas Schlechtes tun darf, um etwas Gutes zu bewirken, geht es in „Irrational Man“. Immer wieder kommt die Sprache auf Kant, Heidegger, Dostojewski sowie Hanna Arendts „Banalität des Bösen“, aber eigentlich geht es vor allem um die ultimative Erfahrung, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen – um Mord als Mittel zur Erlebnismaximierung. Als Mörder überwindet Abe seine Lebensmüdigkeit. Woody Allen siedelt sein moralphilosophisches Experiment in holzgetäfelten Seminarräumen, lauschigen Gärten und Cafés an, was mit Verkommenheit seiner Hauptfigur kontrastiert.

„Irrational Man“ ist ein Kriminaldrama – und der Film eines hochethischen Regisseurs, der selbst zu Gericht sitzt über seinen Helden. „Irrational Man“ wurde mit viel Beifall seitens der Kritiker bedacht. Dass Woody Allens Arbeit zur gleichen Zeit außer Konkurrenz lief wie das Regiedebüt der Oscar-Preisträgerin Natalie Portman („Black Swan“), aber in einem viel renommierteren Kino, sagt einiges über die Hierarchien und strategischen Ungerechtigkeiten beim Festival. Portman hat mit „A Tale of Love and Darkness“ den autobiografischen Bestseller des israelischen Autors Amos Oz fürs Kino adaptiert und auch das Drehbuch verfasst; gedreht wurde auf Hebräisch. Die in Jerusalem geborene Portland spielt zudem Oz' Mutter Fania. Das alles klingt hochinteressant. Doch welcher Festivalarbeiter würde sich erlauben, den neuen Woody Allen nicht zu sehen?

Ausgezeichnete Karten in der irrwitzigen Aufmerksamkeitskonkurrenz hat das griechische Kino: ästhetisch aufregend, mühelos am Puls der Zeit, wild und klug. Der 1973 in Athen geborene Regisseur Yorgos Lanthimos, der 2009 mit „Dogtooth“ auf sich aufmerksam machte und seinen Ruf als Kronprinz des griechischen Gegenwartskinos mit „Attenberg“ und „Alpen“ festigte, legt nun seinen ersten englischsprachigen Film vor. „The Lobster“ variiert das Thema der Vorgängerfilme: Gesellschaften, in denen strikte und absurde Regeln gelten. Das kann man als Kritik am Totalitarismus deuten, der auch in Demokratien virulent ist. „The Lobster“ entwirft eine Gesellschaft, in der Zwischentöne und Vagheiten verboten sind, auch Gefühle.

Debatten um „Son of Saul“

Der Film führt zunächst in ein Hotel: Bei der Anreise muss jeder Gast ein Tier wählen, das er gern wäre – und in das er transformiert wird, wenn er bestimmte Bedingungen nicht erfüllt. Man paart sich aufgrund physischer Gemeinsamkeiten, etwa wenn beide Partner kurzsichtig sind. Der titelgebende Held des Films (Colin Farrell) wäre gern ein Hummer. Als er herausfindet, dass seine neue Partnerin seinen Bruder und seinen Hund getötet hat, flieht er in den Wald. Irgendwo im Norden Großbritanniens lässt Lanthimos exotische Tiere durchs Bild wandern, einen Flamingo, ein Dromedar. Transformierte Menschen? Reine Absurditäten? „The Lobster“ ist jedenfalls der erste Kandidat für die Goldene Palme von Cannes.

Einen Film über den Totalitarismus hat auch der Ungar László Nemes gedreht. „Son of Saul“ ist der Wettbewerbsbeitrag, der die Kritiker bislang am meisten spaltet. Das Debüt des 1977 in Budapest geborenen Regisseurs führt ins Vernichtungslager Auschwitz und erzählt von den Sonderkommandos, deren Angehörige als Geheimnisträger am Eingang zu den Gaskammern und an den Verbrennungsöfen arbeiteten mussten. Ihre Aufgabe war es, die Hinterlassenschaften der Ermordeten einzusammeln, die Leichen zu verbrennen.

Nach wenigen Monaten wurden diese Männer exekutiert und durch andere ersetzt. Im Mittelpunkt von „Son of Saul“ steht der Jude Saul (Géza Röhrig), der einen getöteten Jungen nicht verbrennen lassen, sondern nach jüdischem Ritus bestatten will. Saul nennt das Kind seinen Sohn. Offen bleibt, ob der Mann verrückt geworden ist, er wirklich ein Kind hatte – oder ob er auf einem Akt der Humanität besteht.

Das schrecklich Misslungene an diesem Film ist, dass Nemes den Zuschauer in den Horror von Auschwitz mit hinein nehmen will, auch wenn er die Bildhintergründe immer wieder verschwimmen lässt: Man soll die Angst der Deportierten vor den „Duschen“ ebenso fühlen wie bei den Massenerschießungen neu angekommener Juden im Wald dabei sein, als die Gaskammern und Verbrennungsöfen überlastet sind; den Lärm der Sterbenden soll man ebenso hören wie das stumpfe Getriebensein derer erleiden, die noch ein wenig leben dürfen, um schreckliche Arbeit zu verrichten. „Son of Saul“ ist ein tapferer Versuch, erst recht aus der innerungarischen Perspektive. Auch das Scheitern beim Zeigen dessen, was nicht wirklich gezeigt werden kann, und beim Fühlen dessen, was Nachgeborene nie fühlen können, gehört zu Cannes.