Frances McDormand im Film „Nomadland“.
Foto: AP/

Keiner der großen amerikanischen Filmemacher kämpfte verzweifelter um seine Projekte als Orson Welles. Das hat der Filmwelt einen einzigartigen Nachlass unvollendeter Filme hinterlassen. Nachdem vor zwei Jahren sein letzter großer Spielfilm „The Other Side of the Wind“ fertiggestellt wurde – dem finanzkräftigen Streaming-Portal Netflix sei Dank –, überrascht das Filmfestival Venedig nun mit einem sensationellen Fund. Unter dem Titel „Hopper/Welles“ präsentiert es eine Arbeit, die selbst den meisten Welles-Experten unbekannt gewesen dürfte. Am Rande der Dreharbeiten von „The Other Side of the Wind“ hatte der Filmemacher seinen jungen Kollegen Dennis Hopper für eine Drehnacht einfliegen lassen. Einziges Thema der zwei Stunden und elf Minuten stimmungsvoller Schwarz-Weiß-Aufnahmen ist der Gedankenaustausch zweier Filmkünstler bei einem Abendessen mit reichlich Gin Tonic. 

Aber es ist nicht einfach ein gewöhnliches Interview. Welles plante, Hoppers Antworten auf seine bohrenden Fragen über die Utopie persönlichen Filmemachens in „The Other Side of the Wind“ einzuschneiden. Daher lässt er sich von Hopper mit dem Rollennamen seines Alter Egos in diesem Film anreden, dem alternden Hollywood-Regisseur Jake Hannaford – und gibt dabei das aufschlussreichste Selbstbild seiner Karriere. Im Gespräch mit dem bescheidenen und überaus respektvollen Hopper belehrt er ihn immer wieder über die Geheimnisse des Filmemachens – und erklärt unfreiwillig, was ihn inzwischen selbst von der zeitgenössischen Popkultur trennt. Antonioni findet er langweilig, von Bob Dylan hat er nie gehört (Hopper: „Er ist ein Sänger.“). Was Welles hingegen von der filmenden Jugend fordert, ist eine echte Revolution. Vergeblich drängt er Hopper, der damals vom FBI beobachtet wurde, auf die Barrikaden. Der aber sieht sich im Besitz einer anderen gesellschaftsverändernden Waffe, an deren Kraft Welles schon lange nicht mehr glauben kann. Es ist das Kino.

Tatsächlich hat ein politischer Dokumentarfilm, Gianfranco Rosis Reise an die syrischen Außengrenzen „Notturno“, die besten Chancen, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Am Sonnabend endet mit der Preisverleihung das 77. Filmfestival Venedig.

Ein Mann fährt auf einer Straße - eine Szene aus "Notturno".
Foto: dpa/La Biennale di Venezia

Rosis in Nuancen inszenierte Wirklichkeit wird oft mit dem italienischen Neorealismus verglichen, tatsächlich geht sein Stil noch weiter zurück in eine Epoche der Filmgeschichte, als die Trennung zwischen Dokument und Fiktion noch nicht so klar vollzogen war, zu den Stummfilmen von Robert Flaherty und Joris Ivens.

„Nomadland“ zeigt die aus Armut geborene Camperkultur

Dagegen bezeugt der amerikanische Wettbewerbsbeitrag „Nomadland“ durchaus die Aktualität der so einflussreichen Filmsprache der Straßenfilme von Vittorio De Sica oder Roberto Rossellini. Es ist die Verfilmung eines Sachbuch-Bestsellers – Jessica Bruders Reportage über die neue amerikanische, aus Armut geborene Camperkultur mit den Mitteln eines Spielfilms. Bruder verwendete eine Art Günther-Wallraff-Methode und mischte sich selbst im Wohnmobil unter die zu Nomaden gewordenen Wirtschaftsverlierer. Viele der Geschichten dieser Menschen, die sich nicht obdachlos, „homeless“, sondern lediglich „hauslos“ nennen, hört man nun aus erster Hand. Die chinesisch-amerikanische Regisseurin Chloé Zhao lässt diese oft im späten Lebensalter Entwurzelten sich selber spielen. Allein Hauptdarstellerin Frances McDormand, die den Film auch produzierte, verwandelt sich mit den Mitteln professioneller Schauspielkunst in die ehemalige Fabrikarbeiterin Fern. Nur wenige Monate, nachdem ihre Arbeitsstätte im ländlichen Nevada dichtgemacht hat, ist auch die Postleitzahl des kleinen Ortes gelöscht. Amerika bewegt sich, von der Öffentlichkeit kaum beachtet, in eine zweite große Depression. Wanderarbeiter, wie sie John Steinbeck in „Früchte des Zorns“ beschrieb, campieren heute vor Amazons Versandzentren – auch ein Schauplatz von „Nomadland“.

Die dokumentarischen Elemente, die erlebten Geschichten und die Landschaften des Mittleren Westens, sind zum Teil von großer Wirkungsmacht. Eine Sterbenskranke Nomadin etwa schwärmt von den Glücksmomenten ihres erfüllten Lebens – und meint damit die Sichtung einer Elchfamilie oder eines Schwalbenschwarms. Doch wenn McDormands Filmfigur dann selbst zu den Schwalben reist, wird daraus nur die Illustration von Wirklichkeit. Dokument und Inszenierung finden jedoch nicht wirklich zusammen. McDormand wirkt eher wie eine einfühlsame Interviewerin, eine Art sensiblere Ausgabe von Michael Moore, als eine Gleichgestellte.

Makellos dagegen das neue Amerika-Panorama von Dokumentarfilm-Altmeister Frederick Wiseman. Seine viereinhalbstündige Innenansicht in die Arbeit der Bostoner Stadtverwaltung, „City Hall“, zeigt funktionierende demokratische Strukturen, in denen – wie der 90-Jährige in einer Videobotschaft bekräftigte – kein Platz wäre für Donald Trump.