Berlin - Es soll sich etwas ändern am deutschen Film – denkt, sagt und lehrt Wolfgang Pfeiffer, Autor, Regisseur, Produzent, Drehbuchlehrer, Filmförderer. Pfeiffer hat mit Andreas Dresen und Romuald Karmakar zusammengearbeitet, zwei Filme, an denen er maßgeblich beteiligt war, erhielten Oscar-Nominierungen.

Seit er in den 90er Jahren in Afrika im Auftrag der Unesco geholfen hat, die Filmindustrie aufzubauen, befasst sich Pfeiffer mit der Frage des guten dramatischen Erzählens – und ist dabei zu Ergebnissen gekommen, die in seinen Seminaren zum Drehbuchschreiben selbst den Absolventen von Filmstudien entscheidende Aha-Erlebnisse bescheren.

Was ist denn so schlimm am deutschen Film? Aktuell scheint es gut zu laufen: 37 Millionen von knapp 140 Millionen Kinobesuchern hierzulande haben sich im 2015 für einen deutschen Film entschieden. Den Löwenanteil bringen dabei „Fack ju Goehte 2“, Til Schweigers „Honig im Kopf“, Matthias Schweighöfers „Der Nanny“, Bully Herbigs „Traumfrauen“ und die Bestseller-Verfilmung „Er ist wieder da“.

„Tribute von Panem“ teilweise im Studio Babelsberg produziert

Zieht man noch die 2,7 Millionen Zuschauer der „Tribute von Panem“ ab, der als „deutscher Film“ gezählt wird, weil er teilweise im Studio Babelsberg und in Deutschland gedreht wurde, bleiben knapp 17 Millionen Zuschauer übrig: Sie besuchen größtenteils Filme wie „Bibi und Tina“ oder „Der kleine Drache Kokosnuss“.

Dafür waren wir in diesem Jahr in Cannes vertreten! Indem Maren Ade von der Kritik zur „Retterin des deutschen Films“ hochgeschrieben wurde, gingen immerhin eine halbe Million Menschen in ihren „Toni Erdmann“, während andere, ebenfalls hochgelobte Filme wie Nicolette Krebitz’ „Wild“ nicht einmal 30.000 Menschen ins Kino lockten.

Pfeiffers Kritik am deutschen Film richtet sich nicht primär gegen seine geringen Zuschauerzahlen, sobald er die Gefilde der Komödie verlässt. Er ist davon überzeugt, dass dieser Misserfolg mit künstlerischen Mängeln zusammenhängt: mit der Unfähigkeit zu erzählen. Der deutsche Film sei in der Regel Nacherzählung, nicht Gestaltung einer Geschichte. Er hinterlasse im Zuschauer eine Folge bunter Bilder, aber keine Idee.

Heimgesucht von Visionen

Das Wesentliche am Film sei aber nicht das Sichtbare, sondern was im Zuschauer übrig bleibt, nachdem der Film vorbei ist – mit einem Wort: das Geistige. Deswegen hat Pfeiffer das von ihm gegründete Zentrum zur Förderung des Geistigen im Film kurz Filmgeist genannt. Um sein Anliegen zu unterstützen, wurde vor einem knappen Jahr der Filmgeist-Freundeskreis e.V. gegründet, der in diesem Jahr erstmals den Deutschen Filmgeist -Preis verlieh, einen Tag vor Vergabe der Deutschen Filmpreise.

Er ging an die Filmemacher Ronald Steckel, Max Hopp, Klaus Weingarten und Jan Korthäuer für ihren Film „Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme“. Das ist eindeutig kein Film für die Masse, aber, wie Pfeiffer versichert, ein Film für die Ewigkeit. Heute zeigt der Filmgeist-Freundeskreis den Film im Babylon Kino und lädt zum Gespräch mit den Filmemachern ein.

Jacob Böhme war ein Schuster aus Görlitz, der von mystischen Visionen heimgesucht wurde und sie auf Tausenden von Seiten festhielt. Zu Lebzeiten wurde er von der Kirche als Ketzer ausgeschlossen, die Frühromantiker begriffen ihn als ihren hellsichtigen Vorläufer. Die Lesung aus Böhmes Schriften bildet das Rückgrat des Films.

Geistige Impulse für den Film

Dem Leser erschließen sich Böhmes Worte über den Menschen oder Gott in der Natur kaum: Zu fremd ist die Gestimmtheit, aus der Böhme spricht. Die Bilder des Films von der Natur, vom Menschen und Schreiben versetzen in eine Stimmung, in der Böhmes Worte im Hörer aufgehen.

Eine „Geschichte erzählen“, das, was Pfeiffer in seinen vielen Seminaren als wirksamstes Mittel zur Darstellung einer Idee vermittelt, das will „Morgenröte im Aufgang“ nicht. Der Film gleicht eher einer musikalischen Komposition, er besteht im durchdachten Zusammenspiel von Sprache, Bild, Ton und Stille, das den Zuschauer dennoch zu einem Erlebnis führt: Wenn er sich zu öffnen vermag, hat er am Ende eine mystische Erfahrung gemacht – oder zumindest eine Ahnung empfangen. Der Film mag in seiner Form experimentell sein, aber er hat für sein Thema eine ideale Umsetzung gefunden.

Geradezu idealtypisch zeigt „Morgenröte im Aufgang“, worum es Pfeiffer mit Filmgeist geht: Die Hauptarbeit lag hier nicht in der Herstellung dessen, was sichtbar wird, sondern in der jahrzehntelangen Beschäftigung Ronald Steckels mit den Schriften Böhmes: Er hat sein Thema durchdrungen und vermag es nun in einer eigenen, vorbildlosen Form dem Zuschauer darzustellen. Und von der Form, nicht von gesellschaftsrelevanten Stoffen und durchpsychologisierten Dramaturgien, gehen geistige Impulse für den Film aus.