Die Fragen sprudeln nur so aus den Kindern heraus. An diesem Tag ist eine alte Dame zu Besuch in ihrer Klasse. Vor langer Zeit drückte auch sie hier einmal die Schulbank, bis der Krieg sie und ihre Familie aus dem malerischen Etretat vertrieb. Nun steht Madeleine (Annie Cordy), die den gleichen Namen trägt wie das Gebäck, das beim Schriftsteller Marcel Proust Erinnerungen weckt, der Klasse Rede und Antwort. Ein Mädchen fragt sie: „War dein Leben damals in Schwarz-weiß?“

Der Schulbesuch strengt die alte Dame sichtlich an. Aber der Elan der Kinder ist ansteckend. Überdies hat sie das Glück, mit Romain (Mathieu Spinosi) den aufmerksamsten Enkelsohn der Welt an ihrer Seite zu haben. Er fungiert als ihr Fluchthelfer, denn im Altersheim in Paris wurde es Madeleine zu trist. Ohnehin ärgert es sie, nach dem Tod ihres Mannes dorthin abgeschoben worden zu sein. Vom Oberschenkelhalsbruch, den sie eingangs erleidet, erholt sich die Greisin jedenfalls wundersam rasch. Ihr Leben, das stellt der deutsche Titel von Jean-Paul Rouves Film in Aussicht, ist noch nicht vorbei.

Kein gönnerhafter Blick

Madeleine ist ein beschwichtigendes Paradoxon: gebrechlich, aber rüstig, wehmütig und unverzagt, nostalgisch und unternehmungslustig. Aber der Blick des Films auf Madeleine ist nicht gönnerhaft. Ihre Entscheidungen trifft diese Frau auf eigene Rechnung. Sie tut es im Geheimen, zwischen den Szenen, in denen sich die Familie um sie sorgt. Einmal ist ihr Gesicht in gestochen scharfem Profil zu sehen. Ihre Haut wirkt beinahe transparent, Äderchen zeichnen sich ab. Sonst bevorzugt die Kamera lange Brennweiten, arbeitet mit Unschärfen, zeigt das Leben so diffus, wie es den jüngeren Generationen erscheint.

Madeleines Sohn Michel (Michel Blanc) muss seinerseits erfahren, wie nutzlos man sich fühlen kann. Er gerät in eine Lebenskrise, als ihn die Postbank in Pension schickt. Seine Frau Nathalie (Chantal Lauby) ist seine mürrische Unschlüssigkeit leid und hilft ihrer Ehe listig auf die Sprünge, in dem sie seine Eifersucht weckt. Der etwas arglos gezeichnete Romain muss entscheiden, welche Richtung er seinem Leben geben will. Vorsichtshalber verliebt er sich in eine junge Lehrerin, die diesen Beruf mit der gleichen Hingabe ausübt wie seine Mutter.

Dieser Film ist so zuvorkommend wie ein Gastgeber, der einem geplagten Besucher ein weiches Kissen anbietet. Die sachte Exzentrik des Romans von David Foenkinos übersetzt Rouve in eine Dramaturgie der Besänftigungen. In dieser Welt herrscht eine Verschwörung der Freundlichkeit. Sie wird bevölkert von geselligen Arbeitgebern, lebensklugen Tankwarten und sympathisch talentlosen Sonntagsmalern. „Les Souvenirs“, die Erinnerungen, lautet der Originaltitel. Die Nostalgie ist eine höfliche Aufforderung: Wer sich in der Gegenwart verloren fühlt, tut gut daran, sich Rat bei der Vergangenheit zu holen.

Zu Ende ist alles erst am Schluss (Les souvenirs) Frankreich 2014. Regie & Co-Drehbuch (nach dem Roman von David Foenkinos): Jean-Paul Rouve, Kamera: Christophe Offenstein, Darsteller: Annie Cordy, Michel Blanc, Mathieu Spinosi u.a. Farbe, 96 Minuten.