Die Pathologie ist seit jeher ein Ort des Filmgrusels, selbst in „Babylon Berlin“ wagt sich die Heldin Charly nachts in den Seziersaal. Doch solch eine opulente Pathologie gab’s wohl noch nie. Wie in einer Großfabrik sind die Seziertische in „Abgeschnitten“ nebeneinander aufgereiht, mittendrin Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu). Die Koryphäe findet bei einer Obduktion im Schädel einer Frau eine Kapsel mit einer dramatischen Botschaft an ihn: Seine halbwüchsige Tochter Hannah wurde entführt. Um sie zu retten, wird er zu einer Art Schnitzeljagd gezwungen. Ein Anruf von Herzfeld lässt ein Handy auf Helgoland klingeln: Comic-Zeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer) findet es am Strand neben einer Leiche.

Jetzt kommt der Clou von Michael Tsokos, der sich gern als „Deutschlands bekanntester Pathologe“ feiern lässt und den Thriller mit Bestseller-Autor Sebastian Fitzek weitergesponnen hat. Ausgerechnet die verängstigte, obendrein vegane junge Frau soll im Keller einer Helgoländer Klinik die Leiche sezieren, um eine weitere Botschaft an Herzfeld zu finden. Tatsächlich entdeckt Linda nach etwas Schaudern immer mehr Spaß daran, statt eines bunten Stifts das blutige Seziermesser zu führen.

„Abgeschnitten“ ist die bislang dritte Verfilmung eines Fitzek-Krimis. Die Kalkulation − Millionen Leser ergeben viele Filmzuschauer – aber ging bisher noch nicht auf. „Das Kind“ scheiterte 2012 im Kino, „Das Joshua Prinzip“ war Karfreitag auf RTL ein Flop. Dem Regisseur Christian Alvart, der auch das Drehbuch schrieb, traut man am ehesten in Deutschland noch einen Action-Thriller nach amerikanischem Zuschnitt zu. Seine Referenz sind die „Tatorte“ mit Til Schweiger.

Genrefilm mit Stars

Fahri Yardim, der den Hausmeister in der Helgoland-Pathologie spielt, ist als Kommissar Gümer aus den Nick-Tschiller-Krimis bekannt. Stars wie Moritz Bleibtreu und Lars Eidinger aber hätte man hier nicht vermutet. Doch beide hatten Lust auf das pure Genre ohne die üblichen deutschen „Befindlichkeitsfloskeln“, wie es Bleibtreu ausdrückt.

Lars Eidinger hatte unter der Regie von Alvart schon im Borowski-Tatort als „Stiller Gast“ mal einen Psychopathen gespielt, der seinen Terror eher subtil verbreitete. Hier taucht er als brutaler Sadist auf, der sich vor der Entführung von Hannah mehrfach an jungen Mädchen vergangen und sie in den Selbstmord getrieben hatte.

In nahezu jeder Szene zeigt dieser „Kinderschänder“ ein teuflisches Grinsen – Eidinger betont, wie froh er war, dass Regisseur Christian Alvart nichts vorgegeben habe, sondern einfach einen „Raum zum Performen“ gelassen habe. Doch genau dies wird zum Problem: Der Verzicht auf jede Schauspielerführung sorgt dafür, dass jeder versucht, den anderen beim „Performen“ zu übertrumpfen, so dass es keine halbwegs glaubwürdige Figuren gibt.

Befremdliche Fantasien

Wer in einer Sebastian-Fitzek-Verfilmung nach Spuren von Logik sucht, ist ohnehin auf dem falschen Dampfer. Die Jagd, die der Pathologe Herzfeld samt eines zugelaufenen Assistenten (Enno Hesse) auf dem Weg gen Norden zu immer neuen Leichen führt, wird immer abstruser. Die Inszenierung setzt auf äußerliche Effekte: So tobt der Sturm auf Helgoland immer heftiger, auch wirken die aufschneidbaren Leichenpräparate wirklich echt.

Doch die Spannung, die Psycho-Schocker wie „Anatomie“ auch in Deutschland schon mal herstellen konnten, stellt sich hier nie ein. Die Szenen in der Helgoländer Pathologie wirken eher wie eine unentschlossene „Anatomie“-Persiflage. Im Finale steigt selbst Moritz Bleibtreu in die Kunst der grauenerregenden Übertreibung ein. Die platten Rachefantasien, die sein Pathologe Herzfeld hier schließlich auslebt, mögen in amerikanischen Thrillern Standard sein – hierzulande wirken sie immer noch befremdlich.

„Abgeschnitten“ Deutschland 2018; Buch und Regie: Christian Alvart nach dem Roman von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos; mit Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger,Fahri Yardim, 132 Minuten, Farbe, FSK ab 16