Nicht nur die Glühbirne, auch der Filmkuss ist eine Erfindung von Thomas Alva Edison. Und wer hätte gedacht, dass sie sich sogar als die langlebigere erweisen würde? Das erste Leinwandliebespaar von 1896, May Irwin und John C. Rice, war weder besonders attraktiv, noch küsste es mit großer Leidenschaft. Dennoch brach Edison mit „The Kiss“ ein Tabu, indem er die Grenzen von Privatheit und Öffentlichkeit durchlässig machte. Andy Warhols Remake aus dem Jahr 1963 geriet dagegen zu einer geradezu olympischen Knutschorgie.

Romantische Filmküsse sind prosaisch betrachtet nur Lippenbekenntnisse, die eine Handlung vorschreibt. Im klassischen Hollywood waren sie freilich das Äußerste dessen, was an Sexualität erlaubt war. Und entsprechend mit Bedeutung aufgeladen. Schon lange aber hat sich niemand mehr daran versucht, etwas Neues darin zu entdecken. Doch im griechischen Spielfilm „Attenberg“ von Athina Rachel Tsangari wird das Küssen förmlich neu erfunden. Marina, die junge Frau im Mittelpunkt dieser ungewöhnlichen Selbstfindungsgeschichte, erlebt mit dreiundzwanzig Jahren ihren ersten Kuss. Es ist ein wüstes Herumgemache mit ihrer einzigen Freundin, ein groteskes Zungenballett von kindlicher Neugier.

Attenberg - rätselhafter Titel

„Attenberg“, der rätselhafte Titel, verweist auf den Lieblingsregisseur der Protagonistin, dessen richtiger Name ihr einfach nicht über die Zunge will: der englische Tierfilmer David Attenborough. Wir wissen nicht, was Marina daran gehindert hat, das Küssen bereits im Teenageralter zu erlernen. Jedenfalls sind die zwischenmenschlichen Gebärden, an denen sie so ehrgeizig übt, nicht gerade Gefühlsausdrücke. Eher Nachahmungen des arttypischen Verhaltens des Homo Sapiens wie in einem Film von diesem „Attenberg“. Doch Marinas spätes Erlernen der Sexualität ist nur eine Handlungsebene dieses Films. Die zweite handelt vom nahenden Tod ihres Vaters, den Marina liebevoll umsorgt. Wir sind es gewohnt, dass Filmhandlungen mit psychologischen Erklärungsmustern aufwarten, doch für einen sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit, der Marinas Verhalten erklären könnte, gibt es keinerlei Anzeichen. Das junge griechische Kino geht einen anderen Weg. Durch geschickte Auslassungen will es uns lehren, auf scheinbar Selbstverständliches mit neuen Augen zu blicken.

Im Jahre 2009 hatte der verstörende Film „Dogtooth“ von Giorgos Lanthimos das Filmland Griechenland weltweit wieder ins Gespräch gebracht. Nur in Deutschland erschien das absurd-beklemmende Drama um ein Elternpaar, das seine Kinder wie in einem Gefängnis von der Außenwelt abschirmt und sie falsche Wörter lehrt, leider nur auf DVD. Einerseits ein spannender Thriller, andererseits ein radikaler Kunstfilm, stellt dieser Film in Frage, was wir im Kino für selbstverständlich halten. Vielleicht geht er sogar darüber hinaus: Er führt die Manipulierbarkeit einer Welt vor Augen, die zu sehr auf das Wort vertraut. Auch das Kino vertraut zu sehr auf Worte.

Tanz den Alltag

Der besondere Stil von „Attenberg“ verdankt sich Anleihen an das Tanztheater. Wim Wenders hat gerade mit „Pina“ ein breites Kinopublikum für die Ästhetik der Pina Bausch sensibilisiert, doch hier kann man einmal erleben, wie die tänzerische Verfremdung alltäglicher Handlungen auch die Möglichkeiten des Spielfilms erweitern kann. Immer wieder brechen Marina und ihre Freundin aus den Ritualen des Alltags aus, indem sie ohne narrative Erklärung Bewegungsstudien aus Tierfilmen nachahmen. Der Eindruck ist befreiend und beglückend. Es gibt Ähnliches im Werk des französischen Filmemachers und Fotografen Pierre Coulibeuf, doch ein so großer Wurf ist ihm nie gelungen. – Auch anderthalb Jahre nach seiner Premiere beim Filmfestival von Venedig ist „Attenberg“ der originellste Film weit und breit. Man muss lange zurückdenken, wann eine neue Filmästhetik bei aller Strenge so viel Spaß gemacht hat. Das Traurige dabei ist, dass wir jene Abkehr vom Naturalismus im Kino heute gar nicht mehr erwarten, die für Regisseure wie Luis Buñuel, Michelangelo Antonioni oder Andrej Tarkowskij selbstverständlich war. Man erwartet sie in der bildenden Kunst oder im Ballett, aber nicht mehr im Film. Und wenn, dann wohl eher in einem Werk aus Thailand als in einem aus Europa. Es ist schön, dass man jetzt ausgerechnet in Griechenland, der Wiege der abendländischen Kunst, wieder das Sehen lehrt.

Attenberg Griechenl. 2010. Buch & Regie: Athina Rachel Tsangari, Kamera: Thimios Bakatakis, Darsteller: Ariane Labed, Giorgos Lanthimos, Vangelis Mourikis u. a.; 97 Min., Farbe. FSK ab 12.