Matthias Bleuel will weg. Flucht ist sein natürlicher Impuls, Verharren sein Schicksal, aber das hier ist zu viel. Er mag nicht tanzen, er mag keinen Wodka, und dass ihm diese Frauen ständig ihre Brüste ins Gesicht schieben, mag er auch nicht. Bleuel (Joachim Król), Vertriebsoptimierer eines deutschen Textilunternehmens, ist kein Mann wie jeder andere und in Russland fehl am Platz. Nur wo soll er hin? Zuhause warten eine Scheidung und das Angestelltenelend, das ihn herbrachte, so weit weg von sich selbst – oder ist er doch schon ganz nah dran?

Er muss nur weiter auf seinem Weg, raus aus dem westsibirischen Kemerovo tief hinein in die Taiga, wo Libellen und Schamanen mit den Geistern kommunizieren und einen wie Bleuel gerade gut gebrauchen können. Der Kehlkopfgesang der Schorenfrau Sajana (Yulia Men) lockt ihn dorthin. Dafür braucht er keine Übersetzung; er hat schon mitgekriegt, wie sein pfiffiger Dolmetscher Artjom (Vladimir Burlakov) die Vertreterprosa in schönste russische Poesie übertrug. Aber diese Sprache versteht er von allein, sie zeigt ihm eine neue Welt. Hier möchte er fortan eins werden mit der Taiga, Sajana und mit sich.

Auch die Komödie „Ausgerechnet Sibirien“ kommt am Busen der Natur etwas mehr zu sich selbst und wird merklich ruhiger. Interessant daran ist eine gewisse Divergenz von Film und Hauptfigur: Fremd fühlen soll sich Bleuel im mondänen Kemerovo, doch die Kamera fühlt sich hier pudelwohl. Freizügige Halbtotalen baden in liebgewonnenen Russland-Klischees; die brachialen Polkarhythmen, mit denen der deutsche Film gern seine Liebe zum Osten bekundet, tun ihren Dienst. Hier ist Bleuel der Exot. Im eigentlich exotischen Tiefsibirien hingegen ist die Fremdheit ganz aufgehoben, und wir sind mit Bleuel einer Meinung, etwas Schlimmes überstanden zu haben. Auch das ist eine Leistung. Ein bisschen Mystik und Esoterik tun nun richtig gut.

Schalk und Mystik

Er sei „neugeboren bei den Schoren“, wird der kleine Mann bald ausrufen – den Schalk hat Joachim Król von Anfang an. Michael Ebmeyers Buchvorlage „Der Neuling“ gibt dem schrägen Witz Zucker, von der Beobachtungsgabe des Berliner Autors freilich ist der Film weit entfernt. Schamanische Natursensibilitäten passen nun mal schlecht ins Komödienschema. Eben deshalb gibt es ja Król, dem man das Streben nach Höherem jederzeit abnimmt. Dass der Regisseur Ralf Huettner seinen Erfolg „Vincent will meer“ übertroffen hat, kann man wiederum nicht behaupten. Selbst Gaststars wie Armin Rohde („Bleuel, du Muschi!“) wiegen den Spektakelwert so eines Tourette-Syndroms nicht auf. Es überwiegen aber Ähnlichkeiten: Auch dieses tapfere kleine Roadmovie ist eine Ausstiegsfantasie, die das Verharren leichter macht. Man lausche einfach dem Gesang. Danach kann man tanzen.

Ausgerechnet Sibirien Dtl./ Russl. 2012. Regie: Ralf Huettner, Kamera: Stefan Ciupek; 100 Minuten, Farbe. FSK o. A.