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In meinem Alter ist alles vorübergehend, sagt der alte Tiedgen, Insasse des Seniorenheims „Abendstern“, als ihm die stets übergriffige Krankenschwester einen Mitbewohner ins Zimmer steckt. Es sei ja nur vorübergehend! Man müsse eben mal zusammenrücken.

Eine Frechheit ist das natürlich, die alten Leute im Heim zusammenzuschieben wie Schränke – und das auch noch, ohne Widerspruch zu dulden. Und dann immer mit der „Gemeinschaft“ argumentieren, wenn sich einer wehrt. Die Wahrheit ist, dass es in Altenheimen keine wirkliche Gemeinschaft geben kann, eben weil die Individualität des Einzelnen nicht mehr respektiert wird.

Und so gibt es denn auch viele „Hausregeln“ und „Vorschläge“ und selbstredend wiederholte Appelle an die Vernunft. Als Frau Simon im „Abendstern“ abgegeben wird von ihrer nach Übersee umsiedelnden Familie, begegnet sie Tiedgens mitleidigem Blick. Tiedgen sieht, dass Frau Simon etwas Besonderes ist: voller Würde, schön, eigen. Ein Charakter. Aber eben auch krank und hilfsbedürftig. Es ist schrecklich, angewiesen zu sein auf Menschen, mit denen einen sonst nichts verbindet.

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Tiedgen und Simon bilden das tragische Zentrum in Bernd Böhlichs neuem Film. Der spielt also unter Rentnern – und liegt damit voll im demografischen Trend; schließlich altert unsere Gesellschaft rapide. „Bis zum Horizont, dann links!“ heißt dieser Film, weil sich Tiedgen nicht damit abfinden will, unter der Aufsicht des Pflegepersonals still und willig auf seinen Tod zu warten.

Einmal noch ans Meer

Er will noch etwas erleben. Einen kleinen Ausflug der Heimbewohner zum Zwecke eines Rundflugs über dem schönen Brandenburg nutzt er unversehens zu einem terroristischen Akt. Mit einer Waffe, die dem Liebhaber der Pflegeschwester, einem Polizisten, beim nächtlichen Tête-à-tête abhanden kam, bringt er die historische Propellermaschine samt Besatzung und greisen Passagieren in seine Gewalt.

Einmal noch in den Süden, ans Mittelmeer. Lieber ins Gefängnis als zurück ins Altersheim. Nach demokratischer Abstimmung über die Entführung kommt der Trupp bis zu einer kleinen griechischen Insel. Dort scheint die Sonne, schlagen die Wellen ans felsige Ufer.

Ja, man empört sich innerlich, wenn man sieht, wie Schwester Amelie (Anna Maria Mühe) umspringt mit den Alten. Und der Regisseur Bernd Böhlich (u.a. „Du bist nicht allein“) ist ja auch ein Anwalt der kleinen, nicht – mehr – „optimierfähigen“ Leute, deren Modus und Tempi er wahrt beim Erzählen, beim Stricken des Plots, aber auch in den Dialogen.

Oft betulich und vorhersehbar

Letztere sind oft witzig, während alles andere sehr gemächlich vonstatten geht. Nicht selten sogar betulich. Vorhersehbar. Eben damit auch jeder alles genau mitbekommt. Aber es ärgert einen nicht so sehr, weil es hier diese Sympathie gibt für die sogenannten überflüssigen Menschen. Und dann sind da ja auch die schönen, alten Gesichter voll gelebten Lebens.

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Es sind die Gesichter großer Schauspieler, man kann sich einfach nicht satt sehen an ihnen: Die große, selbst ziemlich kranke Angelica Domröse vermittelt als Frau Simon erschütternd klar und zwar ohne große Worte, dass dies ihre letzte Station ist; Otto Sander leuchtet als Tiedgen von innen, so als sei er schon nicht mehr ganz von dieser Welt.

Marion van de Kamp variiert ihre Biografie, indem sie eine ehemalige Schauspielerin verkörpert, die sich nachts im Heimzimmer zum Applaus aus dem Recorder verbeugt. Herbert Köfer guckt aus vertrauten Augen. Und Herbert Feuerstein ist als Querulant der komische Sidekick.

All diese Schauspieler, dazu noch Monika Lennartz, Ralf Wolter, Tilo Prückner, sind selbst schon alt, aber der Film konfrontiert sie geradezu zärtlich mit der eigenen Hinfälligkeit. Man merkt, dass ihnen die Angst genommen wurde. Nach und nach. Für Böhlichs wohltemperiertes Volkskino muss man indes bereit sein als Zuschauer und vielleicht auch alt genug, sonst braucht man sich gar nicht erst ein Kinoticket zu kaufen.

Ach ja, die übergriffige Pflegerin wird – und da ist sie nicht allein – noch eines Besseren belehrt. Und zwar mit Gewalt. Ja, auch der kriminelle Rentner liegt im Trend. Vielleicht erlaubt ihm die Gesellschaft nicht mehr, seine Würde anders zu bewahren.

Bis zum Horizont, dann links! Dtl. 2012. Buch & Regie: Bernd Böhlich, Kamera: Florian Foest, Darsteller: Otto Sander, Angelica Domröse, Ralf Wolter u.a.; 93 Minuten, Farbe. FSK o.A. Ab morgen im Kino.

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