Zunächst eine verblüffende Nachricht: In den USA kam „Bridge of Spies“ sehr gut an. Der neue Film von Steven Spielberg wurde in den dortigen Medien freundlich, ach was, sogar enthusiastisch besprochen. Nun hat dieser Hollywood-Regisseur mit „Der weiße Hai“ (1975) nicht nur quasi den Blockbuster erfunden – er gilt inzwischen auch im historisch anspruchsvollen Sektor als vertrauenswürdig; man denke nur an seine Präsidentenstudie „Lincoln“ (2012). Gute Gründe also, „Bridge of Spies“ mit Spannung entgegenzusehen. Zumal dieser Film von Politikern, Geheimdiensten, Agenten und Spionen und einem arglosen US-Anwalt für Versicherungsrecht erzählt, dem in Zeiten des Kalten Krieges eine schier unerfüllbare Aufgabe zugewiesen wird.

James B. Donovan soll einen in New York aufgeflogenen Agenten der Sowjetunion gegen einen US- Piloten in der Gewalt des Ostblocks tauschen. Nachdenklichere Kinozuschauer könnten sich über Folgendes amüsieren: Der junge, attraktive Amerikaner flog offiziell zu meteorologischen Erkundungszwecken über Feindesland; nun sieht man sein trauriges Häftlingsgesicht im Fernsehen, benutzt zu Propagandazwecken. Die Schuld des russischen Agenten scheint indes so unsühnbar, dass dieser ältliche Brillenträger Abel eigentlich sofort die Todesstrafe verdient hat.

Das Gewissen der US-Nation

Um den Umgang des westlich-freiheitlichen US-Staates mit Leuten wie Abel, unter den Bedingungen der Atom-Hysterie und nach dem Schauprozess gegen Ethel und Julius Rosenberg, geht es im ersten Teil von Spielbergs neuem Film. Donovan (Tom Hanks) wird 1957 die Verteidigung des Ost- Agenten als „patriotische Pflicht“ aufgezwungen, obwohl oder gerade weil er nicht auf Strafrecht spezialisiert ist. So will die USA den formalen Schein eines fairen Prozesses wahren und dennoch leichtes Spiel haben – das Todesurteil für Abel scheint ausgemacht. Doch der Apparat hat nicht mit dem Ethos seines kleinen Pflichtanwalts gerechnet, der auf die amerikanische Verfassung und tatsächlich auf ein faires Verfahren pocht. Gegen alle Widerstände setzt Donovan eine Haftstrafe für seinen Klienten durch – und wird im allgegenwärtigen Klima der Paranoia fortan selbst wie ein Staatsfeind behandelt, Mordanschläge inbegriffen.

Im Lauf seiner Karriere hat Tom Hanks im Kino immer wieder das Gewissen der US-Nation verkörpert und Rollen wie die des James Donovan gespielt: Männer, mehr noch: Bürger, die in ihrer unerschrockenen Redlichkeit die Unzulänglichkeiten des politischen Systems korrigieren und damit dessen letztlich guten Kern bestätigen. Dass es die vornehmste Bürgerpflicht ist, den Anfängen eines Demokratieverfalls zu wehren, grundiert ideentechnisch in bester Hollywood-Tradition die ersten Hälfte von Spielbergs Film, die als packender Gerichtskrimi beeindruckt.

Das Problem von „Bridge of Spies“ beginnt mit der zweiten Hälfte – die als Politthriller komplett durchfällt, jedenfalls bei der Autorin dieser Zeilen. Hier wird James Donovan im streng geheimen Auftrag der US-Regierung, die natürlich nicht offen mit ihrem Gegner verhandelt, ins Berlin der 1960er, West wie Ost, geschickt, um mit den Sowjets über die Auslösung des anfangs erwähnten Piloten zu verhandeln. Mit Abel (brillant: Mark Rylance) hat Donovan sogar ein Druckmittel; allerdings wurde am Tag des Mauerbaus in Ostberlin zudem ein US-Student verhaftet vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit, dem es gar nicht gefällt, wenn auf seinem Territorium über seine Köpfe hinweg agiert wird.

Ein undifferenziertes Bild

Zwielichtige Geheimdienstler, undurchschaubare operative Vorgänge und selbstverständlich auch die Glienicker Brücke als Ort des Agentenaustauschs – Spielberg hat so ziemlich alles in diesen Teil seines Films gepackt, was einem heute so einfällt zum unvereinigten Berlin vor mehr als 50 Jahren. Einmal sieht Donovan während einer S-Bahnfahrt sogar, wie flüchtende Ostberliner an der Mauer von DDR-Grenzern erschossen werden. Natürlich ist er entsetzt. Viel entsetzlicher aber ist, dass man in diesem Moment als Zuschauer denkt: Hey, dieser Donovan hat ein Glück – erlebt live, wie unterdrückte Werktätige für die Freiheit sterben!

Das ist ohne Frage ein zutiefst zynischer Gedanke, der einem indes nur angesichts der Kolportagehaftigkeit von Spielbergs Inszenierung so kommen kann. Vielleicht ist es gar nicht so verblüffend, dass „Bridge of Spies“ in den USA so gut ankam, befestigt dieser Film doch ein recht undifferenziertes, aber historisch lieb gewonnenes Bild, die aktuelle Angstlust vor Schurkenstaaten inklusive. Gewiss, es ist ein Unterhaltungsfilm und keine Doktorarbeit.

Der Kollege Patrick Wellinski vom Deutschlandradio Kultur gab jedenfalls zu bedenken, wie lustig es doch sei, dass Spielbergs Kalter Krieg tatsächlich im Winter stattfindet und dass Tom Hanks hier wirklich Schnupfen hat. Den hat sich sein Donovan geholt, als ihm gleich nach dem Grenzübertritt ins extra-graue Ostberlin der gute Westmantel gestohlen wird von einer DDR-Jugendbande. So war der wilde Osten! Glaubt Hollywood.