Die Zeit: Juni 1988. Der Ort: Ein Dienstzimmer der Morduntersuchungskommission am Alexanderplatz in Berlin, Hauptstadt der DDR. Noch tippt hier ein Mann auf der Schreibmaschine, doch gleich beginnt die wöchentliche Parteigruppenversammlung. Mitglied der SED sind alle Anwesenden, sonst würden sie hier nicht arbeiten. Im Zeichen eines großen Erich-Honecker-Porträts werden ideologische Phrasen gedroschen,  fallen aber auch Worte des Ein- und Widerspruchs.

Der Schauspieler und Regisseur Bernd Michael Lade rekonstruiert in seinem Kinofilm  „Das Geständnis“ die letzten Tage  der DDR aus einer besonderen Perspektive –  der von Ermittlern, die Kapitalverbrechen zwar aufklären sollen, dabei aber das Selbstbild des Staates nicht in Frage stellen dürfen. Ein Volkspolizist, der zum Mörder an seiner alten Mutter geworden ist? Das darf nicht sein in einem Land, wo Polizisten als Freunde und Helfer definiert sind. Eine Tote, welcher der Bauch aufgeschlitzt wurde?  Die Trieb- und Serientöter-Theorie des Genossen Micha Roth findet bei seinen  unfähigen  und  bürokratischen Vorgesetzten wenig Anklang; die haben  lieber  ein „vom Westen infiltriertes Gesindel“ in Verdacht.

Bernd Michael Lade inszeniert hier nicht nur, er spielt auch selbst diesen Ermittler Micha, der  in eine immer misslichere Lage gerät,   weil er seine Arbeit  gegen die  Hemmnisse von Ideologie und Bürokratie gut tun will. Irgendwann findet sich ein freundlicher Herr bei ihm ein, der  sich Michas privatem Dilemma – die Ex-Frau will die  beiden Söhne nicht; er selbst verfügt nur über ein sogenanntes Wohnklo, zu klein für drei Leute – zu Erpressungszwecken bedienen will.  Natürlich ist der freundliche Herr von  der Staatssicherheit, und er droht Hauptkommissar Roth, als der einer Anwerbung als IM-Spitzel widersteht.

„Das Geständnis“ ist ein scheinbar unspektakulärer und in Wahrheit doch  großer Film – ein  minimalistisch vorwiegend  in Brauntönen inszeniertes  Kammerspiel, das in der Enge einer Probebühne entstand und  in dem ein ganzes politisches System herausgearbeitet wird.    Hastige Blickwechsel, eine  immer wieder verkantete Perspektive der Kamera, schnelle Montage – der Atem stockt einem nicht nur einmal angesichts der erzählerischen Dichte, auch der scharfen  Dialoge, der präzisen Schauspielarbeit.

Auf letzterer liegt Lade zufolge das besondere Augenmerk – dabei ist  auch das Drehbuch (ebenfalls Lade) in seiner  virtuosen Verknüpfung von Partei-Phrasen, Alltagsrede und Reflexion ein Kunstwerk! Es beruht auf den Aufzeichnungen eines DDR-Kriminalisten, der aus Rücksicht auf seine Kollegen nur unter dem Pseudonym C. Curd genannt werden will. „Arbeite mit, plane mit, regiere mit!“, lautete einer der im Film zitierten Grundsätze der sozialistischen Demokratie.  Die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) ist die „bewusste Vorhut des arbeitenden Volkes“, so  der Parteisekretär.

Gleichermaßen Kriminalfilm wie Untersuchung

Das alles hatte man vielleicht schon fast vergessen – gut, dass  man sich nun wieder erinnert.  Nicht nur spiegelt  das Ermittlerkollektiv verschiedene  Typen und Stadien der Anpassung an die schon maroden Verhältnisse – nein, in den  Mordfällen, die  den Genossen auf den Tisch flattern,  wird auch die gesamte DDR in ihrer letztlich bis heute unerkannten Vielfalt sichtbar. Da gibt es etwa das Tötungsdelikt im offiziell nicht existierenden Schwulenmilieu, das von den  Partei-Karrieristen  im Team aus   Gründen der Homophobie nur zögerlich bearbeitet wird.   Der Fall  eines ermordeten sowjetischen Soldaten wird der Ermittlergruppe aus politischen Erwägungen gar gleich entzogen.  Die Staatssicherheit, im DDR-Jargon „Die Firma“ oder „Horch & Guck“ genannt,   mischte  mit.  Auch  bei der Gewalt gegen   damalige Jugendkulturszenen. Hier spielt Lades eigene  Biografie mit hinein, der  zu DDR-Zeiten mit  der Punk-Band   planlos auftrat.

„Das Geständnis“ entstand ohne Filmförderung  und TV-Senderbeteiligung. Es ist eine ungemein spannende Regiearbeit: Gleichermaßen Kriminalfilm wie   Untersuchung sich subkutan auflösender Strukturen eines Staates, der in den letzten Zügen liegt.  Lade legt Wert drauf, dass der Film die DDR nicht zeigt, wie sie in seiner Erinnerung aussieht, sondern wie sie  sich  in seiner Erinnerung anfühlt. Am Ende von „Das Geständnis“, im März 1990, zieht der neue Vorgesetzte aus dem Westen ein  bei den Ermittlern vom Alexanderplatz. Als Einstand hat er eine Flasche Whiskey mitgebracht, aber er trinkt sie nicht gemeinsam mit den Ost-Kollegen. Darin ist ein  schon weiterer Film enthalten.