Wer auf diese Insel kommt, dem wird der Kopf kahl geschorenen. Er gibt seine Kleidung ab und muss eine Anstaltsuniform anlegen. Wer auf diese Insel kommt, muss sogar seinen Namen abgeben und erhält stattdessen eine Buchstaben-Zahlen-Kombination. C19 hat von Anfang an einen großen Widerwillen dagegen. Er heißt Erling und will sich nicht brechen lassen.

Anfang des 20. Jahrhunderts, als man noch anders über Erziehung dachte als heute, spielt der Film „Kongen av Bastøy“. Fast komplett in grauen, wie mit feuchtem Nebel durchmischten Farben gehalten, erzählt er von Geschehnissen auf einer norwegischen Gefängnisinsel. Unwirtlich ist es dort schon durch die natürlichen Bedingungen. Doch was Menschen dort Menschen antun, ist mit Strafe verniedlichend beschrieben. Körperliche Züchtigung und Nahrungsentzug gehören zum Alltag. Bastøy ist das europäische Alcatraz. Vermutlich weil die Insel im Oslofjord nicht so bekannt ist, entschied sich der deutsche Verleih, den Namen aus dem Titel zu nehmen und den Film „King of Devil’s Island“ zu nennen.

Das bleibt das Einzige, was sich an Kritik gegenüber diesem aufwühlenden Film vorbringen lässt. Der Film beginnt mit der Ankunft von Erling und einem weiteren Jungen, Ivar. Sie lernen den Anstaltsleiter kennen, der in Kleidung und Habitus Macht ausstrahlt. Sie werden mit einem Aufpasser konfrontiert, der sie gleich einzuschüchtern versucht. Er kennt nur Befehle, keine Argumente. Und dann ist da noch C1, Olav, der kurz vor seiner Entlassung steht und sich um die Neuen kümmern soll. Von deren Einfügen hängt auch seine Zukunft ab.

Drill und schwere Arbeit sind die Methoden, mit denen die Jugendlichen und jungen Männer lernen sollen, sich unterzuordnen. Der Regisseur Marius Holst fragt nicht, was sie nach Bastøy gebracht hat, er zeigt sie nur in ihrem Ausgeliefertsein. In dünnen Kitteln fällen sie bei Wind und Regen Bäume, schichten sie Stroh auf, karren Fäkalien über die Insel. Der Eindruck der Kälte überträgt sich schnell auf den Zuschauer. Man spürt förmlich das Erziehungsziel von Bastøy, dass der Einzelne sich wertlos fühlen soll.

Der kräftige Erling und der drahtige Olav betrachten sich zunächst als Konkurrenten. Erst als sie sehen, dass der für ihr Haus zuständige Aufpasser ein besonderes Auge auf Erlings Mitankömmling Ivar geworfen hat, nähern sie sich an. Olav spricht beim Anstaltsleiter vor. Den spielt der Schwede Stellan Skarsgård mit großer Aura. Er erweckt den Eindruck, trotz allem ein guter Mensch zu sein – hart, aber gerecht.

Doch als klar wird, dass seine Haltung gegenüber dem übergriffigen Aufpasser nur eine vorübergehende war, verliert er schlagartig an Autorität. Es kommt zu einem Aufstand der Häftlinge, in dessen Verlauf einer sich das Telefon des Direktors erobert und sagt: „Hier ist der König von Bastøy. Ich möchte den König von Norwegen sprechen.“ Nur zweieinhalb Kilometer ist die Insel vom Festland entfernt. Das kann man im Winter nicht schwimmen. Der Staat schickt Soldaten in Kompaniestärke. Hier nun teilt sich die Handlung in zwei Stränge, einer ist atemraubend schnell, der andere langsam und intensiv.

Bastøy ist immer noch eine Gefängnisinsel, heute allerdings ein Musterbeispiel für menschlichen Strafvollzug. „The King of Devil’s Island“ bleibt über das historische Lehrstück hinaus interessant. Dafür sind die beiden jungen Hauptdasteller zuständig. Erling träumt davon, dass etwas von ihm bleibt und bittet Olav, ihm eine Geschichte zu schreiben. Also kritzelt und erzählt der Mitgefangene von einem Seemann, der seine Harpune nach einem Wal wirft, beschreibt das Tier, dessen ledrige Haut schon von Narben übersät ist. Seemann und Wal ringen miteinander. Im Film verwebt sich diese Geschichte mit dem Kampf der jungen Männer. Und sie erzählt von der lebensstiftenden Kraft der Literatur.

King of Devil’s Island (Kongen av Bastøy) Norwegen/Frankreich/Schweden/Polen 2010. Regie: Marius Holst, Drehbuch: Dennis Magnusson, Kamera: John Andreas Andersen, Darsteller: Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Trond Nilssen u. a.; 115 Minuten, Farbe. FSK ab 12.