Die Schwestern Eurídice (Carol Duarte, l.) und Guida (Julia Stockler)
Pedro Machado

BerlinDer Weihnachtsbaum in einem kleinen Haus in Rio de Janeiro ist eine Weihnachtsblume. Rot, grün und gelb beleuchtet sie eine Familie, deren Mitglieder einander selbst gewählt haben. Zwei Frauen, eine in ihren Zwanzigern, die andere mehr als doppelt so alt, und ein kleiner Junge, den seine junge Mutter Chico ruft. Die beiden Frauen tragen weich fallende Kleider, sind geschmückt und geschminkt, sie tanzen, lachen, umarmen einander. 

„Liebe verbindet, nicht das Blut“, hört man die Stimme der jungen Frau später im Off. Es ist ein Satz aus einem Brief an ihre fast gleichaltrige Schwester, von der sie seit Jahren nichts gehört hat. Wie diese Weihnachten feiert, zeigt der Regisseur Karim Ainouz gleich in der nächsten Sequenz, so wie man von einem Stadtviertel zum anderen geht und dabei Welten wechselt.

Der Ehemann hält eine Rede

Die Schwester wohnt nur ein paar Kilometer entfernt und müht sich mit einem Weihnachtsessen ab, das den Ehemann, den Vater und die Kinder zufriedenstellen soll. Der Ehemann hält eine Rede, man hatte ein schweres Jahr, er danke seiner Ehefrau. Die schweigt, hält sich lange allein in der Küche auf. Ihr Gesicht ist verschlossen, eine propere, künstlich lächelnde Entsagungsmaske, wie man sie auf vielen Fotos sieht, die Frauen in den 50er- Jahren zeigen.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Brasilien, Deutschland 2019.
Regie: Karim Ainouz.
Darsteller: Carol Duarte, Julia Stockler, Bárbara Santos, Fernanda Montenegro u. a.,
139 Min., Farbe. FSK ab 12 Jahre

All diese Frauen gehören zum Inventar von Innenräumen, die Außenwelt betreten sie im Grunde nur in männlicher Begleitung. Das Innere nimmt auch in diesem Film den größten Raum ein, die Welt existiert in der Vorstellung, wie Wien, ein Ort, von dem ständig die Rede ist und der nie zu sehen ist. Mit seinem Film „Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ kehrt der in Berlin lebende Regisseur algerisch-brasilianischer Herkunft in jene Zeit zurück, in der seine Mutter jung war und ihn in Brasilien allein großgezogen hat, in den Augen ihrer konservativen Familie eine Schande.

Dennoch ist sein Film nicht autobiografischer als jeder andere, persönliche Film, in dem man die Feinfühligkeit, Haltung und genaue Beobachtung eines Autors spürt. Ainouz mischte dabei eigene Erinnerung und Wahrnehmung mit der Fiktion der Autorin Martha Batalha, von deren Roman „Die vielen Talente der Schwestern Gusmão“ sich Ainouz angesprochen fühlte. Sein Ton aber ist dramatischer, die Fallhöhe der Schwestern größer.

Heimlich zur Prüfung

Entstanden ist ein kluges, episches Melodram, das sich respektvoll an die Seite der weiblichen Figuren stellt, statt sie, wie in den schlechtesten Abwandlungen des Genres, den Soaps, mit Rührseligkeit zuzuschütten. Aus den Innenräumen (und den wenigen Straßen-, Hafen- und Waldszenen) werden durch die Kameraarbeit von Hélène Louvart weite Kosmen in intensiven, wie pulsierenden Farben. Virtuos geschnittene Perspektivenwechsel, etwa in einer Restaurantszene, in deren Zentrum ein Aquarium steht, erzählen das Drama des familiären und des gesellschaftlichen Ausschlusses in größter Ökonomie.  

Euríice (Carol Duarte) und Guida (Julia Stockler) sind Töchter des Kleinbürgertums, das gerne die nächsthöhere soziale Stufe imitiert, auch wenn die Zimmer eben keine Salons sind und das Piano kein Flügel. Ein bisschen Klavierspielen macht immer Eindruck auf Familienfeiern, aber eben nur, solange daraus keine Ambition wird. Das aber ist der Fall bei Euridice und bringt erst den Vater, dann den Ehemann gegen sie auf. Heimlich legt sie die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule ab und besteht furios.

Da weiß sie noch nicht, dass ihr Mann sie gegen ihren Willen geschwängert hat. Wie das vor sich ging, zeigt Ainouz deutlich, und doch ist sein Naturalismus nie plump. Er erzählt das Drama dieser Frauen mit großer Selbstverständlichkeit über ihre Körper, denn über ihre Körper werden sie in Besitz genommen, er ist ihr Kapital, ihre Freude und ihr Verhängnis zugleich.

Freud nannte es noch Hysterie

Guida, die sich in einen griechischen Seemann verliebt hatte, der sie als Schwangere verließ, setzt ihren Körper als Zahlungsmittel ein, wenn ihre Wahl-Familie in Not gerät. Vom eigenen Vater kurz vor der Niederkunft aus dem Haus geworfen, bringt sie sich und ihren Sohn als Werftarbeiterin durch. Trotz der Härte ihres Alltags bewahrt sie sich Leichtigkeit und Wärme, während Euridice in die Selbstzerstörung gleitet.

Ein brennendes Klavier, dessen Saiten im Feuer ächzen, während es zerbirst, besiegelt Euridices Verzweiflung. Sie weiß, wie ihr geschieht in dieser Ehe und kann doch nicht heraus. Der Psychiater diagnostiziert eine bipolare Störung, Freud nannte es noch Hysterie.

So kenntnisreich Karim Ainouz von der vielfältigen Zurichtung von Frauen erzählt, die sich nicht in die patriarchale Ordnung fügen, so vehement lässt er sie ihre Lust am Leben empfinden, zeigt das Unverwundbare, Unergründliche an ihnen. Ihre Hingabe an jene, die sie lieben ohne es zu müssen, ihre Fähigkeit, einander zu helfen und nicht zuletzt ihren Zorn.