Der Olivenbaum war schon immer da. Wenn man den Mittelmeerraum so häufig als Wiege der europäischen Zivilisation bezeichnet, dann ist er das dazugehörige Symbol. Wie ein unauffälliges Leitmotiv zieht er sich durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte. In der griechischen Mythologie ist sein Öl als Opfergabe nicht wegzudenken. Seine Früchte besang Homer in der Ilias und der Odyssee. Bibel und Koran erwähnen sein brennendes Öl als Lichtquelle in Häusern oder als Friedenszeichen.

Doch so bedeutend der Olivenbaum auch war für Mythen und Legenden – die Moderne, die Popkultur und damit auch das Kino ließen ihm keinen besonderen Symbolcharakter zukommen. Wenn es gut für den Olivenbaum lief, war er nette Kulisse und Postkartenmotiv. Dabei geht von diesen Bäumen etwas Archaisches aus, stoisch bezeugen sie das Menschheitsgeschehen um sie herum.

Das gilt auch für den titelgebenden Olivenbaum in Icíar Bollaíns neuem Spielfilm. Seit mehr als 2000 Jahren steht er im spanischen Castellón auf dem Grundstück von Almas Familie. Die 20-jährige Frau mit den traurigen Augen hat ein inniges Verhältnis zu diesem Baum, weil er sie an ihre Kindheit mit ihrem Großvater erinnert. Der ehemalige Olivenbauer hat ihr die Liebe zur Natur nahe gebracht. Großvater und Enkelin saßen zwischen den dichten Wurzeln des schönsten und ältesten Olivenbaums im Hain und philosophierten über die kleinen und großen Dinge des Lebens.

Es sind unbeschwerte Erinnerungen einer idyllischen Kindheit, die Bollaín in den vielen sentimentalen Rückblenden, aus denen der Anfang ihres Spielfilms „El Olivo“ besteht, heraufbeschwört. Doch der geliebte, große Olivenbaum verschwindet. Almas Onkel und Eltern verkaufen ihn. Sie verkaufen sogar den ganzen Olivenhain. Den Erlös wollen sie investieren. Doch diese großen Pläne aus den 1990er-Jahren verpuffen. Ein paar Jahre später zwingt die Wirtschaftskrise die Familie an den Rand der Arbeitslosigkeit. Und der Großvater schweigt, wird krank und fristet nur noch ein elendes Dasein.

Erst jetzt kommt der Film in Bewegung, denn Alma meint, den Großvater zu retten, indem sie den alten Olivenbaum wieder zurückholt. Sie findet ihn – in Düsseldorf. Den aktuellen sozialen Kontext ihrer Geschichte vermag die Regisseurin Bollaín noch sehr präzise in Bilder zu fassen. Das krisengebeutelte Spanien erhält einen überzeugenden dokumentarischen Anstrich. Wenn Almas Onkel beispielsweise in der Bar sitzt und auf die faulen, deutschen Touristen schimpft – wobei er im gleichen Atemzug betont, dass er auf ihr Geld nicht verzichten will. Doch über dieses ehrlich gemeinte Stammtischniveau kommt der Rest des Films nicht hinaus.

Das Träumen von einer gerechteren Welt

Dabei hat das Drehbuch Bollaíns Lebensgefährte Paul Laverty verfasst, der auch der Stammautor des britischen Sozialrealisten Ken Loach ist. Seine Geschichten handeln immer vom Widerstand der kleinen Leute, sind fest in unserer Gegenwart verankerte Donquichotterien, die von einer besseren und gerechteren Welt träumen und die vergessene soziale Solidarität heraufbeschwören.

In „El Olivo“ wird das leider nur in groben Ansätzen deutlich. Wenn Laverty etwa erklärt, wie sich die spanische Wirtschaftskrise direkt auf das Verhältnis der unterschiedlichen Generationen in Spanien auswirkt. Alma ist ihren Eltern völlig entfremdet; sie begreift deren Handeln nicht. Der jungen Frau ist die Naturverbundenheit des Großvaters näher, sie sehnt sich nach einem einfacheren Leben. Profitstreben und Konsumgier scheinen ihr fremd. Aber genau hier beginnen auch die Probleme der Figurenkonstruktion. Denn Alma ist eine makellose Gestalt. Ein weiblicher Don Quijote; selbstlos, motiviert durch die Liebe zum Großvater, will sie den Olivenbaum zurückholen. Ein Vorhaben, das der Film in seinem Finale irgendwo zwischen NABU-Demonstration und Greenpeace-Flugblatt aufarbeitet.

Diese dramaturgische Orientierungslosigkeit beginnt, wenn Icíar Bollaín ihren Film zum Road Movie werden lässt. Mit jedem Kilometer auf der anonymen Autobahn nach Düsseldorf verliert der Plot seinen Blick auf die sozialen Verhältnisse. Ein paar Dialogfetzen über erfolgreiche Deutsche wirken wie Sentenzen aus wütenden Leitartikeln spanischer Tageszeitungen und weniger wie tatsächliche Gedanken der Figuren. Auch wenn sich „El Olivo“ letztlich nicht verfährt, kommt er doch vom Wege ab. Der Film will eine wütende Bestandsaufnahme des Krisen-Europas sein und die Ausbeutung sozialer Randgruppen anprangern. Doch weil er alles und jeden berücksichtigen will, gekränkte Spanier und arrogante Deutsche, verliert er seinen Kurs.