Das ist schon mal toll: Den Helden eines Films so heißen zu lassen wie den Ort, in dem er lebt. Paterson ist in Paterson zu Hause, einer Kleinstadt in New Jersey, die ihn zu all den Gedichten inspiriert, die er in der Mittagspause auf der Parkbank verfasst. Paterson ist übrigens Busfahrer, Tag für Tag auf derselben Linie – und auch das ist toll: Einen Mann, der einer derart unaufregenden Tätigkeit nachgeht in einem unspektakulären Ort, zum Mittelpunkt eines Films zu machen. Ausgedacht hat sich das Jim Jarmusch, mit Regiearbeiten wie „Down by Law“, „Dead Man“ und zuletzt „Only Lovers Left Alive“ ausgewiesene Legende des US-Independent-Films. Dass auch „Paterson“ kein Action-Film ist, kann man sich wohl denken.

Dafür ist es ein wunderschöner Film – vielleicht der schönste, den man seit langem sah. Jedenfalls in seiner eigenen Liga der Feier erhabener Ereignislosigkeit, wie sie Patersons Alltag wohl abgeben würde, wenn da nicht seine Freundin Laura wäre. Sie huldigt dem ständigen Wandel; dauernd hat sie neue Träume. Mal versucht sie sich im Gestalten lebhafter Stoffmuster, was bald dazu führt, dass die Wohnung des Paars, aber auch Lauras Garderobe ein irrwitziges Durcheinander von Kreisen, Spiralen und Zickzacklinien aufweist.

Dann wieder möchte sie mit dem Backen von Cupcakes erfolgreich sein, wobei auch die Küchlein wild mit Zuckerguss verziert sind. Und dann will sie schließlich, ohne jegliche Kontakte oder Vorbildung, ein Star der Country-Musik werden, dank einer online bestellten Gitarre samt Spielanleitung. Eine solche Freundin könnte eine Prüfung sein für noch jeden Langmut, doch Paterson liebt Laura und sie ihn. Er unterstützt ihre immer neuen Ambitionen, und sie bewundert sein Talent für Poesie. Er solle seine Lyrik doch nicht in den Quart-Kladden begraben, in denen er sie handschriftlich notiert, sondern veröffentlichen, schlägt sie vor.

Die erste Einstellung des Films richtet sich aus der Vogelperspektive auf das Paar, wie es kurz vor dem Weckerklingeln im Bett liegt. Pure Schönheit aus der Draufsicht ist das: eine fast grafische Anordnung aus Lauras dunklen Locken und den helleren Vierecken der Bettwäsche. Bald beginnt Paterson seine Arbeit, befährt immer dieselben Straßen der Stadt, wird Zeuge der Gespräche seiner Fahrgäste – beiläufig entsteht ein so liebenswertes wie vitales Porträt des Ortes. Zu den kleinen, aber großartigen Gags, mit denen der Film seine Zuschauer erfreut, gehört, dass die Passagiere später immer noch mal auftreten, etwa ein kurioses Zwillingspaar aus zwei alten Damen.

Pure Schönheit in der Totalen sind die Zeilen aus Patersons Hand, die Jarmusch als Voice-over über die Kleinstadtszenen legt, aber auch über Alltagsgegenstände wie Streichhölzer, denen Adam ebenfalls ein Gedicht widmet. Die Überblendung von Bildern und Worten evoziert einen lakonisch-hypnotischen Sog – wer wollte da behaupten, Kleinstädte seien öde und ihre Bewohner unbedeutend! Dass sie es nicht sind, dass sich vielmehr alles als unverhoffte Quelle reiner Poesie erweisen kann, ist die Essenz von Jarmuschs neuem Film, um das Wort Botschaft hier zu vermeiden.

Buddhistische Ergebenheit und quirliger Enthusiasmus

Klar, fast streng gegliedert in die sieben Wochentage läuft „Paterson“ in den freien Assoziationen auf ein offenes Erzählen hinaus. Nicht zufällig ist der Schriftsteller William Carlos Williams (1883–1963), dessen bekanntester Gedichtband „Paterson“ die gleichnamige Stadt in New Jersey zu einem der literarisch denkwürdigsten Orte Amerikas erhob, auch das Idol des Busfahrers Paterson aus Paterson.

Und damit Jarmuschs Witz nicht in zu vielen Metaebenen verloren geht, gibt es noch den Hund Marvin (verkörpert vom Hund Nellie). Paterson selbst hat es nicht so mit Hunden und Marvin, die englische Bulldogge, hat es nicht so mit ihm, was sich oft als sehr lustig und am Ende als fast fatal erweist. Aber Laura ist nun mal verrückt nach dem Hund. Leider verstarb Nellie einige Monate nach den Dreharbeiten – und wurde als erster Hund posthum mit dem Palm Dog Award des Filmfestivals von Cannes ausgezeichnet.

Adam Driver spielt den Bus Driver mit nahezu buddhistischer Ergebenheit; Golshifteh Farahani verleiht ihrer Laura einen quirligen Enthusiasmus, der heikel werden könnte, wenn Patersons und Jarmuschs Liebe zu ihr nicht so groß wäre. Die Figuren von Jim Jarmusch in diesem Film haben keine wirklich dramatischen Konflikte – „Paterson“ ist vielmehr eine Art Gegenentwurf zum hochdramatischem Kino. Der Film feiert nicht, nein – er zelebriert die Poesie von Details, von Wiederholungen und deren Variationen und die von alltäglichen Begegnungen. „Paterson“ ist eine Ode an das kleine, gewöhnliche, aber erfüllte Leben. Wenn man es, wie hier im Kino, einfach geschehen lässt, neugierig und gelassen, geht man am Ende sehr glücklich nach Hause.