Wie überquert man eine Straße? Die Lehrerin stellt diese Frage an eine Runde junger Menschen, die um einen Tisch sitzen.  „Mit dem Kinn nach oben“, sagt Owen Suskind sofort. Man soll sich nicht mit gesenkten Augen durch den Straßenverkehr bewegen, heißt das. Aber als es darum geht, wie man über eine belebte Straße kommt, schaut er sich hilfesuchend im Klassenzimmer um. „Man geht über den Zebrastreifen“, sagt eine seiner Mitschülerin. Ach ja! – Owen Suskind ist 25, er ist Autist, und er lernt hier, auch ohne Begleitung im Alltag zurecht zukommen. Sein Auszug aus dem Elternhaus in eine eigene Wohnung steht kurz bevor. 

Film "Life, Animated" erzählt eine wahre Geschichte

Filme über Autisten gibt es einige. Meist widmen sie sich den außergewöhnlichen unter ihnen, deren Autismus mit einer besonderen Begabung einhergeht.  Auch "Life, Animated"  handelt von einem besonderen Fall. Owen Suskind ist zwar kein Mathe-Genie, aber er hat es mit Hilfe von Disney-Filmen geschafft. die Mauer, die der Autismus um ihn errichtet hat, zu überwinden. In den USA, wo  Filme dieser Art zur kulturellen Grundausstattung gehören wie in Deutschland höchstens die Märchen der Gebrüder Grimm, hat dies sicher einen noch größeren Reiz als hierzulande.

Owen war drei, als er verstummte und sich zurückzog. Privates Filmmaterial zeigt die Veränderungen, und wenn die Eltern im Interview davon erzählen, kommen ihnen auch 20 Jahre später noch die Tränen. Nur vor dem Fernseher, wenn sie eine DVD mit „König der Löwen“ einlegen oder „Die kleine Meerjungfrau“, findet die Familie noch zusammen wie vor Owens Erkrankung. Tatsächlich werden ständig Disney-Ausschnitte  gezeigt, gefühlt machen sie die Hälfte des Films aus. Dass Owen, der nur noch unverständliches Gebrabbel von sich gibt,  einmal nachsagt, was die Hexe von der kleinen Meerjungfrau dafür verlangt,  dass sie ihren Fischschwanz in Beine verwandelt, nämlich: „Nur ihre Stimme“, tun das die Spezialisten, bei denen er in Behandlung ist, als papageienhaftes Nachsprechen ab.

Autist lernt mit Hilfe von Disney-Puppen sprechen

Am 8. Geburtstag seines jüngeren Bruders Walter aber, der an diesem Tag merkwürdig traurig wirkt, kommt Owen in die Küche und sagt: „Er will nicht erwachsen werden – genau wie Peter Pan.“ Wie groß die Verblüffung der Eltern gewesen sein muss, kann man kaum ermessen.  

Es ist dies der Tag, an dem sie intuitiv verstehen, wie sie wieder mit ihrem Sohn in Kontakt kommen können. Am Abend geht der Vater Ron, Journalist und Pulitzer-Preisträger, in Owens Zimmer, zieht sich eine Disney-Puppe über den Arm und führt die erste Unterhaltung seines Lebens mit seinem Sohn. Owen hat mit Hilfe dieser Filme sprechen gelernt, er kann jeden einzelnen Dialog nicht nur auswendig, sondern imitiert ihn auch perfekt. Es ist dies eine Geschichte, die im Grunde selbst das Zeug zu einem Disney-Film hat.

Sex lernt der Autist aus den Filmen nicht

Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass der Disney-Aspekt zu viel Gewicht bekommt, während die Herausforderungen, die eine Familie  mit einem autistischen Kind meistert, dem Regisseur Roger Ross Williams weniger interessant erschien. Das gilt auch für Begrenzungen eines soziales Leben auf der Basis von „Dschungelbuch“ und „Aladdin“. Williams konzentriert sich auf die positiven Aspekte.

Für den westeuropäischen Zuschauer kommt der Film mitunter  schier unerträglich munter und aufgekratzt daher. Am stärksten wirken diesem Eindruck noch die Szenen mit Owens Bruder Walter entgegen, etwa wenn dieser sich besorgt fragt, wie es sein wird, wenn die Eltern nicht mehr da sind, und er der einzige ist, den Owen noch hat. Oder das Gespräch, das Walter mit Owen über die Beziehung zu dessen Freundin führt, und das letztlich scheitert, weil Owen nicht versteht, dass sein Bruder mit ihm gerne über Sexualität reden würde. Aber in den Disney-Filmen kommt ja nach dem Kuss nichts mehr.

Life, Animated Regie: Roger Ross Williams , USA 2016, 92. Min., Farbe, FSK 0