Vergessen wir alles, was wir von Matthias Schweighöfer wissen. Dass er über Schauspieltalent verfügt, Schiller und Reich-Ranicki gespielt hat – geschenkt. Dass er dieses Talent schon seit längerem in billigen „Testosteron-Komödien“ verschwendet, wobei ihm der erworbene Nimbus ganz gewiss hilft, ist auch nichts Neues. Der 33-jährige, so ließe sich ein Star definieren, kann Idioten spielen, ohne dass man ihn für einen hält.

Das ist ein hohes Gut und unterscheidet ihn von seinem langjährigen Mentor Til Schweiger, der indes kein Idiot ist. Schweiger schien Matthias Schweighöfer eine Weile nachzueifern, dank dem von Fans immer wieder attestierten Lausbubencharme und „gutem Aussehen“ auch höchst erfolgreich. Doch ist es so einfach?

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Blickt man auf seine Rollen, gibt es nichts als Irritationen. Er spielte für „Rubbeldiekatz“ in Frauenkleidern, um sich als Mann zu beweisen. Sein größter Coup: Der Versuch, in „Vaterfreuden“ als impotenter Samenspender Vater des eigenen Kindes zu werden – über zwei Millionen Zuschauer konnten sich damit identifizieren. Wie sonst nur Schweiger, so die gängige Lesart, vermisst Schweighöfer den sexuellen Gefühlshaushalt der Deutschen.

Irgendwo zwischen verklemmten Feminismussatiren und der glücklichen Überwindung von Männlichkeitskrisen lauert wie selbstverständlich der Erfolg. Man weiß, was man bekommt. Immer wieder steckt in dem tollpatschigen Tunichtgut ein verantwortungsvoller Liebhaber, im verunsicherten Weichei ein richtiger Mann. Und so darf als sicher gelten, dass aus einem schlechten Vater, wenn er ihn spielt, im Verlauf des Films ein guter wird. So ist es auch. Aber es ist auch alles anders – schon wieder.

"Starke" Bilder, sture Abfolge und rätselhafte Gags

In „Der Nanny“ nämlich, wieder unter eigener Regie, verwirft der wohl letztlich einzige Star des deutschen Films nicht nur seine Rolle als romantischer Held. Er spielt, wenigstens für eine Weile, die böse Fratze des Kapitalismus. Und wenn man es genau, nimmt, spielt er noch nicht einmal die Hauptrolle.

In Anlehnung an ihre berühmte Tatort-Folge „Weil sie böse sind“ (Deutscher Fernsehpreis) verkörpert Schweighöfer hier einen mittelzynischen Anzugträger und Milan Peschel seinen Handlanger. Eigentlich wollte der aus seiner Wohnung expedierte Verlierertyp den Immobilienhai (der „Bauwichser“) kaltmachen. Doch dann wird Rolf Horst – er heißt wirklich so – zum Kindermädchen der verwöhnten Gören von Clemens.

Der Witwer hat keine Zeit für sie. Hier läge nun die Möglichkeit für allerlei gender-politische Späße, doch sie verstreicht. Rolf ist schlicht der bessere Vater. Der Versuch der zwei Minderjährigen, ihn wie alle anderen Nannys (ein grotesker Auftritt: Veronica Ferres) aus dem Haus zu jagen, verpufft. Milan Peschel reüssiert hier in einer alten Rolle des französischen Filmclowns Pierre Richard – und zwar sehr zum Wohle des Films.

Der freilich hat, unter Stilaspekten, alles was einen Schweighöfer-Film ausmacht: die „starken“ Bilder zu süßlicher Musikuntermalung, eine sture Abfolge zündender und dann wieder gänzlich rätselhafter Gags, Obszönitäten aus Kindermund. Eine Typenparade ersetzt klassisches Schauspiel, darunter der TV-Comedian Joko Winterscheidt als oberzynischer Kompagnon von Clemens.

Im nächsten Film wird Schweighöfer mindestens Bundeskanzler

Auf der Verliererseite sieht man die Bewohner des bedrohten Berliner „Fischer-Kiezes“, eine urige Hafengegend in Friedrichshain-Treptow – übrigens ist die Lokalität in Schweighöfer-Filmen prinzipiell egal. Als Karikaturen proletarischer Ehrlichkeit proben die Kiezleute den Widerstand und machen aus der Komödie das, was sie nebenbei auch noch ist: ein Sozialmärchen.

Im Schweighöfer-Film, daher die Irritation, ist alles nebenbei. Waren Frauen bislang nur Staffage, sind sie nun gänzlich aus dem Spiel. Was immer der Erlösung des Helden dient, kommt gerade recht: Hormonstau und Geschlechterrollen, Kapitalismus und Gentrifizierung – Schweighöfer kommt mit allem klar, und wenn die Erlösung nur eine Scheinlösung ist, umso besser. Derart perfekt beherrscht er das Spiel von Brüchen und Kontinuitäten, das einen Star ausmacht.

Man bekommt, was man erwartet, und immer noch etwas mehr. Indem Schweighöfer sein Ego nun auf die ganze Gesellschaft ausweitet, stößt diese permanente Schöpfung von Mehrwert allerdings fast an die Grenze. Im nächsten Film, das ist eigentlich unvermeidbar, wird Matthias Schweighöfer mindestens Bundeskanzler.