Berlin - Für einen Moment durchströmt einen beim Betrachten des Films „Money Monster“ ein unbeschreibliches Wohlgefühl: Da scheint eins dieser fürchterlich schlauen und sittlich komplett verwahrlosten Wall-Street-Arschlöcher endlich eins auf die Mütze zu kriegen, aber so richtig.

Der TV-Aktien-Guru Lee Gates (George Clooney) wird vor laufender Kamera von einem bewaffneten Eindringling mit einer Sprengstoffweste bekleidet, ausgerechnet mit der bevorzugten Waffe der islamistischen Selbstmordattentäter. Das dünkt uns irgendwie recht und billig, und wir räkeln uns behaglich im Kinosessel.

Aber sollte der Mann nicht einen fairen Prozess bekommen?

Mal nachdenken.

Nein, das geht schon in Ordnung so. Dachte aber die Regisseurin Jodie Foster samt ihren Drehbuchautoren nicht. Natürlich, es trifft wie immer den Falschen – weil man den Richtigen nicht erwischen konnte. Denn die wissen sich abzusetzen; hier schwebt der Richtige mit dem eigenen Jet irgendwo durch die Weltgeschichte: Walt Comby heißt der CEO einer Firma, die Hochfrequenzhandel betreibt, also Aktien im Sekundenrhythmus kauft und verkauft. Lee Gates hat in seiner Sendung „Money Monster“ die Comby-Aktien als absolut sicher empfohlen – nur sind da leider plötzlich 800 Millionen Dollar verschwunden, angeblich durch einen Fehler im Algorithmus. Kyle Budwell, dem bewaffneten Eindringling, gehörten davon 60000 Dollar – seine Ersparnisse. Für Lee Gates sind das Peanuts, aber für einen Paketboten in New York ist es die gesamte Existenz. Nun will Kyle erst die Sendung und dann ihren arroganten Moderator sprengen – wenn er nicht Antworten bekommt, und zwar von Walt Comby persönlich.

„Money Monster“ ist sagenhaft spannend. Jodie Foster inszeniert das Geschehen in Echtzeit: die Vorbereitungen zur Sendung, den plötzlichen Überfall, die aberwitzigen Pläne der Polizei. Die Regisseurin schweift dabei durch die ganze Welt, schaut in Island vorbei, in Korea – überall, wo man die vergurkte Sendung von Lee Gates sehen kann. Und Foster tut es mit Humor: einem wunderbar zynischen Humor, der aber dem Ernst der Lage nie in die Parade fährt. So versucht Lee Gates, seinem Geiselnehmer den finanziellen Verlust zu ersetzen, indem er seine Zuschauer bittet, die abgestürzte Comby-Aktie zu kaufen und durch die Wertsteigerung einen Schneeballeffekt bei den Algorithmen und damit noch mehr Wertsteigerung auszulösen. Und obwohl er damit um sein Leben bittet, stößt das Fernsehvolk die Aktie weiter ab. Das ist nicht nur bitter-lustig, es stellt nicht nur wieder einmal klar, dass Aktienhandel und Realwirtschaft nichts miteinander zu tun haben, sondern zeigt auch, dass der Verlierer in diesem System mit gesellschaftlichem Beistand nicht rechnen kann.

„Money Monster“ ist ohne Zweifel eine virtuose, meisterhafte Arbeit. George Clooney ist als eitler Fernseh-Heini grandios, und auch Julia Roberts ist wunderbar als Gates’ Fernseh-Regisseurin, die nicht nur eine missglückte Sendung am Laufen hält, sondern auch eine waghalsige Polizeiaktion durchkreuzt. Jack O’Connell zeigt als Geiselnehmer großartig, dass die Gefahr nicht von der Boshaftigkeit ausgeht, sondern von der Überforderung durch die Situation. Dennoch ist man am Ende enttäuscht. Im letzten Drittel nimmt der Film seinen Anlass zu ernst und buchstabiert die Geschichte eines Betrugs durch, in dem sich auch der Medienmann als Opfer fühlen darf.

Das nimmt der Geschichte die Größe. Schließlich ist es doch nicht das System gewesen, das sich als durch und durch fehlerhaft, asozial und primitiv erweist, sondern das eine schwarze Schaf, das gierig war und dafür über Leichen ging. Der koreanische Programmierer des Algorithmus weist jede Schuld von sich. Wenn 800 Millionen Dollar verschwinden, sei das menschliches Versagen. Das ist natürlich trivial, wenn Windows mal wieder nicht läuft, ist das ja auch das Versagen der Programmierer, nicht das des Programms.

Aber was im Kleinen gilt, soll nun auch im Großen gelten: Durch die Konzentration auf das eine Schwein namens Walt Comby wird quasi der Finanzkapitalismus entschuldigt, der ohne die Walt Combys dieser Welt und ihr menschlich-moralisches Versagen doch ein prächtiges System wäre.

Aber es ist nicht nur der Eine. Es sind wir alle, und das weiß der Film: In der fulminantesten Szene des Films soll die schwangere Freundin (Emily Meade) des Geiselnehmers über Bildschirm beruhigend auf ihren Mann Kyle einwirken – stattdessen macht sie ihn vollends zur Sau, weil er das gesamte Geld verzockt hat. Auch in den Intimbeziehungen herrscht die nackte Gier.