Kai Wessels „Nebel im August“ ist ein problematischer Film – und ein fragwürdiger. Unzählige Gerätschaften haben wir gesehen: Wägelchen, mit denen man Suppe transportiert, Wägelchen, mit denen man Leichen transportiert, Wägelchen, mit denen man Särge transportiert. Wir haben Skalpelle gesehen, aufgeschnittene Kinderleiber, rostige Bettgestelle, Gehirne in konservierender Flüssigkeit, Emaillegeschirr, Schreibmaschinen, Lichtschalter, Rasierapparate, andere Apparate, Hosenträger, Nickelbrillen, Arbeitsklüfte, Strickpullover.

Vollgerammelter Raum

Als hätte man zuvor medizinhistorische Museen leer geplündert, werden die filmischen Räume mit historischen Artefakten vollgerammelt. Und je vollgerammelter der Raum desto mehr Geschichte ringt man ihm ab. Eine ganze Reihe von Geschichtsfilmen – „Nebel im August“ reiht sich widerstandslos ein – findet in diesem Zusammenhang den adäquaten Repräsentationsmodus. „Seht ihr all die Dinge?“, scheinen diese Filme zu plärren, „dann seht ihr die Geschichte!“

Man muss kein Geschichtsphilosoph sein, um in diesem Zusammenhang ein Problem zu erkennen. Die Evidenz der Geschichte an der schieren Masse ihrer Artefakte zu messen, ergibt nicht viel Sinn. Auf der anderen Seite hat es nicht viel Sinn, nun so gut wie jedem Historienfilm mit diesem Vorwurf zu begegnen. Und dennoch ist es eben diese Sammelwut, durch die sich „Nebel im August“ derart zurümpelt, dass er völlig bewegungslos wird und nur noch einen Ausweg findet, nämlich den leichtesten.

Der Fall Ernst Lossa

Thema des Films ist das „Euthanasie“-Programm in deutschen Nervenkliniken während der Nazidiktatur. In den Kriegsjahren wurden über 200.000 Menschen, deren Leben aufgrund von Krankheiten oder Behinderungen als „unwürdig“ eingestuft wurden, durch Gift oder Entzugskost, das heißt durch Nährstoffentzug, getötet.

Im Zentrum des Films steht der 13-jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker), der wegen „Asozialität“ in eine dieser Kliniken eingewiesen wird, in der bald das ärztliche Morden beginnen soll. Der scheinbar fürsorgliche Direktor der Anstalt (Sebastian Koch), der die Kinder noch hingebungsvoll durch die Luft wirbelt, bevor er sie tötet, ist einer der Grausamsten unter den Grausamen. Nicht nur, weil er es ist, der auf die im Sinne des Regimes höchst wirtschaftliche Idee verfällt, Menschen durch Unterernährung zu ermorden, sondern, weil es ihm am besten gelingt, seine Emotionalität abzuschaffen, wo ihn ein Kindergesicht anblickt.

Ernst ist kerngesund, höchstens ein bisschen schwer zu erziehen. In der Klinik wird er von Patienten und Personal respektiert und gemocht. Oft gesellt er sich zu der kranken Amelie, füttert sie mit Brei, was sie sich sonst von niemandem gefallen lässt. Seiner Freundin Nandl erzählt er von Amerika. Dort will er hin und Sheriff werden. Dem Hausmeister und Aufschneider Witt hilft er beim Waschen des Sezierbestecks. Ständig in Bewegung, bringt Ernst Lebendigkeit an diesen Ort des Tötens – das scheint als Prämisse zunächst auch zu funktionieren.

Kraftvolle Emotionalisierung

Nichtsdestotrotz gelingt es dem Film nicht, eine Zuschauererfahrung zu strukturieren, die einen an den Rand des Verstehens brächte. Das hat nichts damit zu tun, dass er distanziert mit der Geschichte hantieren würde, denn ihm geht es, im Gegenteil, um kraftvolle Emotionalisierung. Es hat mit den Dingen zu tun, auf die er immerzu verweist. In „Nebel im August“ gibt es immer etwas, woran man sich festhalten kann, was einen erdet auf dem Boden der dunkelsten Historie.

Der wirklich fragwürdige Punkt dieses Films ist der, an dem es dann ans Eingemachte geht, an die Frage, wie all das passieren konnte, an die Frage nach der Täterpsychologie. Diese wird selbst zum Ding unter all den Dingen und Artefakten, sie wird ebenso in Form gegossen, ebenso – in einem höchst seltsamen Sinn – nachvollziehbar. Es gibt Szenen, deren simple psychologisch-motivische Heruntergebrochenheit einen anspringen, als wünschte die Geschichte von diesem Film erlöst zu werden.

Wo das Unerklärliche aufflammt, macht es eine billige Rachefantasie wieder erklärbar. Und es gibt allen Grund, das anmaßend zu nennen, oder zumindest aufdringlich. Das Finsterste ins Licht zu zerren, heißt noch nicht, dass es sich dort besser sehen ließe, vielleicht heißt es sogar das Gegenteil.