So hat man Nina Hoss noch nicht gesehen. In Christian Petzolds neuem Film „Phoenix“ ist ihr Kopf als Nelly zu Beginn vollständig mit Mullbinden umwickelt. Hoss spielt eine Berliner Jüdin, die Auschwitz überlebt hat und zurückgekehrt ist, um Heilung zu erlangen – nicht allein von den schweren körperlichen Verletzungen, die ihr zugefügt wurden im Vernichtungslager, sondern auch von einem Verrat, an den sie nicht glauben mag. Begangen haben soll ihn ausgerechnet ihr Ehemann Johnny: Nellys Versteck wurde ihm 1944 abgepresst in Gestapo-Haft, aber ein Verrat bleibt es doch. So interpretiert es Nellys Freundin Lene, die als Mitarbeiterin der Jewish Agency Einsicht in die Nazi-Akten hat, in Deutschland keine Zukuft sieht und nach Palästina auswandern will.

Das rät sie auch Nelly, die jedoch nach ihrem Mann suchen möchte. Johnny hält Nelly indes für tot – oder will sie vielmehr für tot halten. Denn als sie ihn aufgespürt hat in einem Nachtclub für US-Soldaten, spricht er nur von der großen Ähnlichkeit dieser angeblich fremden Frau mit seiner Nelly. Johnny macht ihr den Vorschlag, Nelly zu spielen, um an das Erbe heranzukommen, das Nellys im Holocaust ermordete Familie hinterlassen hat. Schwere Lider, müde Augen, verschwollene Züge – so steht ihm Nelly gegenüber. Weil sie ihr altes Leben zurück will, wird sie zu ihrer eigenen Doppelgängerin. Nelly muss erst diese Rolle spielen, um wieder sie selbst zu werden.

„Phoenix“ ist ein unglaubliche Regiearbeit: eine Variation auf den Film noir und die Aufarbeitung einer Liebesgeschichte; es ist der Versuch einer physischen wie psycho-historischen Rekonstruktion und psychoanalytisches Modell zugleich, spannend, beklemmend und intelligent. Das Motiv der Wiedergängerschaft zieht sich wie ein roter Faden durch Christian Petzolds Schaffen, aber noch nie ging dieser Regisseur so weit und profund in die deutsche Geschichte zurück.

Warum er das nun tut? In den Notizen zu seinem neuen Film schreibt Petzold, dass er in der Vorbereitung beeindruckt war von dem Roman „Der Asche entstiegen“ von Hubert Montheilet – und von dem Text „Ein Liebesversuch“ von Alexander Kluge: Nazi-Ärzte versuchen hier, die Liebe zweier KZ-Häftlinge wieder zu erwecken, indem sie diese in einen Raum sperren, aber es passiert nichts.

„Ist es möglich, über den tiefen, nihilistischen Riss, den die Nationalsozialisten und die Deutschen vollzogen haben, über diesen Riss zurückzuspringen und etwas zu rekonstruieren – die Gefühle, die Liebe, die Barmherzigkeit, das Mitleid, das Leben?“, fragt Petzold. „Phoenix“ erzählt ihm zufolge die Geschichte einer Frau, die nicht einsehen will, dass „keine Erzählung, kein Gesang, kein Gedicht“, dass die Liebe nicht mehr möglich sein soll. Diese Menschen, finde ich, die etwas nicht einsehen wollen und dadurch Sand im Getriebe sind, sind die interessantesten.“

Das Motiv einer fragilen Identität, die erst durch eine Beziehung definiert wird, ist zentral in „Phoenix“. Denn Nelly muss ja nicht nur operiert, also physisch wiederhergestellt werden, sondern sich auch als Person wieder zusammensetzen. Immer wieder fragt diese Frau danach, ob man sie erkennt; und Szenen, in denen sie im Beisein von Lene (Nina Kunzendorf) mit Hilfe alter Fotos ehemalige Freunde und Bekannte identifziert, also erkennt, beleuchten auch ihre Vergangenheit.

Aber erst wenn Johnny (Ronald Zehrfeld) sie erkennt, wird sie wieder wirklich leben – so Nellys Obsession. Bis dahin ist sie nur ein Gespenst, und tatsächlich heißt einer von Petzolds Filmen „Gespenster“. In der Komplizenschaft mit Johnny wegen des Erbes, im teilweisen Wiederdurchleben der einstigen Beziehung, die quasi symbolisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem Keller – als Druckkammer – stattfindet, gewinnt Nelly den Anschluss an die Gegenwart und kann sich lösen von dem Mann, der ihr nicht gestattet, sie selbst zu sein.

In einer konsequent kammerspielartigen Inszenierung hinterfragt „Phoenix“ mehr die Konstruktion von Identität, als dass der Film – wie sein Titel erwarte ließe – von einer Wiederauferstehung aus der Asche der Historie erzählen würde. Am schmerzlichsten ist wohl folgender Satz: „Ich verspreche Ihnen, niemand wird danach fragen“, bescheidet Johnny dieser Nelly und meint ihre Auschwitz-Erfahrungen. Und so kommt es auch, wenn Nelly schließlich als ihre eigene Doppelgängerin auftritt vor den überlebenden Freunden. Doch ohne seine Geschichte ist niemand ein Mensch.

Hinter der komplexen Geschichte einer mehrfachen Zurichtung Nellys wird die einer totalen historischen Verdrängung und ihrer Folgen offenbar. Eine Frau, die scheinbar einfach nur Opfer eines miesen Typen wurde, hält Deutschland den Spiegel vor. In „Phoenix“ ist die individuelle wie die nationale Identität die Folge existenzieller Auseinandersetzungen, von Kämpfen. Der Traum, ganz neu anzufangen, ist hier für immer ausgeträumt. In diesem Sinn ist „Phoenix“ wie ein Befreiungsschlag.

Phoenix Dtl. 2014. Drehbuch & Regie: Christian Petzold, Kamera: Hans Fromm, Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge u. a.; 98 Minuten, Farbe. FSK ab 12.