Wer hat sich nicht schon mal gewünscht, Veronica Ferres in die Wüste zu schicken? Dem Star der seichten Fernsehunterhaltung einmal dabei zuzusehen, wie sie aus seinem gewohnten Habitat hinausgeschleudert wird, das hat schon seinen besonderen Reiz. Wie wird die Ferres wohl reagieren, wie wird sie sich bewegen, wenn sie nicht mehr weiter weiß?

Orientierung im Nichts

Im Verlauf von „Salt and Fire“ mehren sich tatsächlich die Zeichen, dass Werner Herzog, störrische Kultfigur und unberechenbarer Kultregisseur, das Konzept vom RTL-Dschungelcamp fürs Kino adaptiert hat. Nur dass es nicht um Mutproben und nackte Haut geht, sondern um existenzielle Fragen, auf die kein Dreiakter eine Antwort kennt. Statt mit dem in verdaulichen Portionen servierten Primetime-Leben soll Veronica Ferres hier lernen, mit dem Nichts klarzukommen. Das ist schon als Ansatz faszinierend, als Film stellt es so ziemlich alle üblichen Orientierungspunkte in Frage, die man sich zum Filmegucken sonst so zurechtlegt.

„Salt and Fire“ beginnt gleichzeitig als Thriller und als Thrillerparodie. Weil der Film sowohl das Genre ernst nimmt, es mit Gusto in geschmeidigen Bewegungen sehr dynamisch nachvollzieht, und es mit stereotyp lächerlichen Figuren, Entwicklungen und Dialogen auflädt, ist die Verwirrung von Beginn an perfekt. Wie lässt sich verstehen, was gleichzeitig ernstgemeint und albern ist?

Herzog bietet jede Menge Stoff, an dem sich entlangzuhangeln Spaß bereiten kann. Da ist zunächst eine Ökokatastrophe im Süden Boliviens, die ein Forscherteam um Laura Sommerfeld (Ferres) untersuchen soll, aber ob sie das wirklich wollen oder können, das ist so sicher nicht. Macht aber nichts, denn das Team wird sogleich entführt von einer Schwadron vermummter Männer. So kommt schon bald ein Bösewicht aufs Tapet, der Chef einer Firma, die für die Ökokatastrophe wohl verantwortlich ist. Matt Riley (Michael Shannon) steckt zwar hinter der Entführung, aber er führt offensichtlich etwas im Schilde, was eher nicht zum Thriller passt: Er will mit der Wissenschaftlerin zusammen philosophieren.

Gegen jede Logik

„Salt and Fire“ ist ein Wunscherfüllungsfilm: Ein Werk offenbar strukturiert nach dem Lustprinzip – entgegen aller dramatischen Logik und eines jeden Kohärenzanspruchs. Das Glück, ihm dabei zuzusehen, fühlt sich in jedem Moment völlig irreal an, denn einen Film wie diesen hat es noch nicht gegeben. Werner Herzog, der in den USA vom ohnehin bekanntesten deutschen Regisseur in den letzten Jahren auch noch zu einer Internet-Celebrity aufgestiegen ist, darf machen, was er will, so scheint es jedenfalls. Es hilft, das zu wissen. Denn was als Thriller/Parodie beginnt, ist schon bald eine Farce, in deren Mittelpunkt das Schauspiel von Ferres steht.

Michael Shannon, bekannt etwa aus der Serie „Boardwalk Empire“ oder dem Superman-Film „Man of Steel“, fängt die Aufmerksamkeit der Kamera, kaum hat sie ihn einmal erfasst. Er hat eine Präsenz, die den längst aus den Fugen geratenen Film irgendwie erdet, ihm eine Ernsthaftigkeit und Ruhe verleiht, die Ferres unter großen Anstrengungen zerstreut. Zusammen geben die beiden Hauptdarsteller dem Film die Gestalt einer wunderbar bizarren Versuchsanordnung, bei der kaum vorzustellen ist, dass vorher schon feststand, wohin sie führen würde.

Suche nach Gemeinsamkeit

Obwohl „Salt and Fire“ mit einigen ausgetüftelten Clous aufwartet, ist er durch und durch ein Experiment: Herzog setzt dafür nicht nur die Ferres in der Wüste aus, er gibt ihr auch offensichtlich wenig zu spielen. Anstelle von psychologischem Realismus aus dem Inneren, wie man ihn oft mit eindeutigen Zielen, Motivationen und Biographien pflegt, brechen sich hier verschiedene äußere Motive des Herzog’schen Kinos Bahn und prasseln auf sie ein.

Da wäre zum einen das Diffuse und Irrationale, das tief in uns Schlummernde, aber nie ganz Artikulierbare, etwas, das Ferres’ völlig fremd sein muss, hier aber hinter jeder Ecke hervorlugt. Zum anderen ist da der unbedingte Wunsch, eine Verbindung zwischen den Menschen herzustellen, koste es, was es wolle. Als solche entpuppt sich zuletzt die eine verlässliche Gemeinsamkeit: die Wirkung der Natur auf das Individuum. Der Salzwüste sei dank, die Einsamkeit der Ferres wird noch einen Nutzen haben. Keine Frage: Herzog meint es ernst.

Salt and Fire Deutschland 2016. Regie und Drehbuch: Werner Herzog, Kamera: Peter Zeitlinger, Darsteller: Veronica Ferres, Gael García Bernal, Michael Shannon, Lawrence Krauss, Volker „Zack“ Michalowski u.a., 98 Min., Farbe, FSK ab 6