Hin und wieder muss sich das Kino einen Reim darauf machen, was da draußen in der Welt vorgeht. „e-m@il für Dich“ hieß vor auch schon wieder fast zwanzig Jahren eine Filmkomödie von Nora Ephron; es ging darin um ein damals neues Medium und seine Auswirkungen auf das Liebesleben moderner Großstädter. Von der SMS wiederum sagen heutige Jugendliche, das nutzen nur noch alte Leute. Aber Clara, die junge Heldin von „SMS für Dich“, ist auch eine altmodische Person.

Wie sich „diese armen Menschen“ auf Dating-Portalen wie Tinder präsentieren, macht Clara noch trauriger, als sie ohnehin ist. Sie hängt schon deshalb der Vergangenheit nach, weil sie vor zwei Jahren ihren Freund bei einem Unfall verloren hat. Und so nimmt alles seinen Lauf, indem sie dem Toten wehmütige Kurzmitteilungen auf dessen altes Handy schickt. Indes, die Nummer wurde frisch vergeben, und Amor, der alte Schlingel, hat zwei neue Opfer.

In Karoline Herfurths erster Spielfilm-Regiearbeit ist, gelinde gesagt, wenig neu. Aber liegt das nicht am Gegenstand? Schon Ephron hatte sich an einem Film des genialen Regisseurs Ernst Lubitsch orientiert, der wusste: Die Liebe braucht Umwege, um zu sich selbst zu kommen. Nennen wir es das Cyrano-Syndrom, nach dem Versdrama „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand. Mark (Friedrich Mücke) kapiert sofort, dass Liebe Umwege braucht. Er muss die geheimnisvolle SMS-Schreiberin finden, ohne seine Identität preiszugeben. So schwer ist das gar nicht, denn Berlin – selbstverständlich Ort der Handlung – ist klein. Natürlich gibt es ein echtes Berlin, doch hier fungiert die Großstadt recht plausibel als Abbild der vernetzten Realität, in der sich die immer selben Charaktertypen ständig über den Weg laufen. Es ist eine düstere Welt, meist bei Nacht gezeigt. Clara, gespielt von Herfurth selbst, und ihre Mitbewohnerin Katja (Nora Tschirner) residieren in einer Alt-Berlin-Kneipe namens „Gockel“.

Das ist ganz klar symbolisch zu verstehen. In ihrem Ensemblefilm gelingt es Karoline Herfurth nicht vollends, die Klippen der romantischen Komödie zu umschiffen. In einem Zerrbild von Zeitungsredaktion etwa spielt Friedrich Mücke einen Sportjournalisten, der auf den Schlager angesetzt wird. Braucht doch Katja Riemann ihren Auftritt als versponnene Herzschmerz-Chanteuse, sprich: das natürliche Zentrum eines Films, der halbwegs halbironisch von der Liebe handelt.

„SMS für dich“ beruht auf einem Liebesroman von Sofie Cramer, Autorin von anderen Titeln wie „Herz an Herz“ und „Ein Teil von dir“. Der Versuch, die Vorlage durch überdrehte Screwball-Dialoge etwas aufzupeppen, gelingt nur stellenweise. Enissa Amani spielt eine Redaktionskollegin von Mark, deren wasserfallartige Wortkaskaden man vergisst, sobald sie ihr aus dem Mund purzeln. Der gute Frederick Lau wirkt wie in einem völlig anderen Film.

Doch die leicht verstrahlte Inszenierung ist nicht bloß ein Fehler. Immer wieder hilft sie der Regisseurin, den erotischen Konfusionen der Zeit glaubhaft Ausdruck zu geben. Manche Dialoge laufen mit voller Absicht ins Leere. Neben überflüssigen Figuren findet sich der ungewohnte Auftritt von Nora Tschirner als Katja – eine dunkle Königin des One-Night-Stands zum einen, zum anderen eine gänzlich eigenständige Person jenseits solcher Zuschreibungen. Mehr solcher Freiheiten wären wünschenswert gewesen, einen ernsthaften Bruch mit den Konventionen strebt Herfurth gar nicht an. Aber eines hat sie immerhin gezeigt: Romantischen Kitsch so lang als möglich zu vermeiden, ohne dabei unnötig zickig oder abgebrüht zu wirken – das ist eine enorme Aufgabe, im wahren Leben wie im Film.

SMS für Dich Deutschland 2016. Regie: Karoline Herfurth, Drehbuch: Andrea Wilson, Malte Welding, Karoline Herfurth,Kamera: Andreas Berger, Darsteller: Karoline Herfurth, Friedrich Mücke, Nora Tschirner, Katja Riemann, Samuel Finzi u.a.; 107 Minuten, Farbe. FSK o.A.