Irgendwann ist es dann doch so gekommen, wie es eigentlich nicht hatte kommen sollen: Die Konzerne haben die Macht übernommen und der Mensch – vielmehr: der Angestellte, der Konsument – ist zum Servomechanismus der Kapitalvermehrung verkommen. Menschliche Existenz wie zwischenmenschliche Beziehungen stehen unter dem Diktat der Effizienz. Sozial? Was soll das sein? Gefühl? Hä? Alles wie immer also im Science Fiction.

Aber nichts wie immer in Wien, das sich als Stadt der Zukunft und Dreh- und Angelpunkt von Valentin Hitz’ trefflichem Genrebeitrag „Stille Reserven“ mächtig verändert hat. In den Ersten Bezirk rund um den Stephansdom kommt nur noch, wer dazu gehört und sich entsprechend ausweisen kann. Die Parallelgesellschaft der Habenichtse und Elenden steckt jenseits der Donau, im berüchtigten Transdanubien in Hochhausblocks fest, die sich endlos bis zum Horizont erstrecken. Nicht mal mehr von Ferne her weht ein Wienerlied durch die Gassen, und Schmähführen kann auch keiner mehr, weswegen es sofort und umstandslos bitterernst zur Sache geht. Denn was besonders schwer wiegt in einer Stadt, die auf der ganzen Welt für ihre Melancholie und leise Todesverliebtheit gerühmt und bewundert wurde: Es darf in ihr nicht mehr gestorben werden.

Es wird also ein Wein sein … und wir werden immer sein. Nur nicht beim Heurigen sitzend, sondern am Sterben gehindert in den Fabriken vernetzt. Als Batterien genutzt oder als Retortenmütter, als Organersatzteillager oder was auch immer sich die Matrix in ihrer unendlichen Weisheit ausgedacht hat als sinnvolles Betätigungsfeld eines nicht-todesversicherten Zukunftsmenschen, der der Konsumgesellschaft Schulden hinterlassen hat, die es prä-mortem abzuarbeiten gilt.

„Matrix“ kommt einem in den Sinn. Und „Blade Runner“. Und „Metropolis“. Große Vorbilder, in deren Fußstapfen „Stille Reserven“ trittsicher unterwegs ist – und dabei doch angenehm bescheiden bleibt. Hitz nutzt den über Bande angespielten klassischen Bezugsrahmen seines dystopischen Szenarios, um eine nicht minder klassische Geschichte zu motivieren: von Verschwörern und Spionen, Widerständigen und Angepassten; der Macht, die das Glück der Menschen nicht achtet und den Liebenden, die sich ihr furchtlos entgegenstellen.

Einfach utopisch

Vincent Baumann also ist der fleißige Agent einer Todesversicherung, dessen Leben aus dem Tritt gerät, als er Lisa Sokulowa kennenlernt, die zu einer Gruppe von Sterbehilfe-Aktivisten gehört. Vielmehr, Vincent wird auf Lisa angesetzt, um die radikale Truppe endlich lahmzulegen. Umgekehrt versucht Lisa über Vincent an einen Passierschein zu gelangen, der dringend benötigt wird, um den lang schon geplanten Anschlag auf das Sterbeverhinderungs- und Körperausbeutungszentrum – beklemmenderweise „die Geriatrie“ benannt – durchführen zu können. Es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich ineinander und ihre jeweiligen Pläne gehen zum Teufel. Der allerdings kennt ebenso wenig Gnade wie Hitz, der an der kulturpessimistischen Grundierung seiner Geschichte keine Zweifel aufkommen lässt.

Dementsprechend nüchtern fällt die Umsetzung aus; die allesamt überzeugenden Schauspieler agieren unterkühlt und intonieren zurückgenommen in einer elendskalten Welt, die von Kameramann Martin Gschlacht, dem Fachspezialisten für sachliche Poesie, ins farblich entsättigte Bild gesetzt wird. Umso deutlich sichtbarer werden darin nun die Mängel dieser Welt, wird ihre Freudlosigkeit und wird die brennende Sehnsucht ihrer Menschen nach dem nutzlos Schönen und der Endlichkeit.

Der Versicherungsagent und die Aktivistin finden ihren Sehnsuchtsort schließlich im aufgelassenen Vergnügungspark Berlin Plänterwald, einer überwucherten, wild romantischen Ruine einstmaligen Glücks, aus der Vergangenheit in die Zukunft gefallen, utopisch.