Abbas Kiarostami ist der Philosoph des iranischen Kinos, Jafar Panahi der Sozialforscher und ihr jüngerer Kollege Asghar Farhadi liefert die Innenansichten eines zerrissenen Landes. Kiarostamis Filme durften in seiner Heimat meist nicht gezeigt werden, auch deshalb drehte der im vergangenen Sommer verstorbene Regisseur zuletzt nur noch im Ausland. Den Goldene Löwen von Venedig, den Jafars Panahi wiederum für seinen Film „Der Kreis“ (2000) erhielt, kann man in der Vitrine des Filmmuseums in Teheran bewundern, obwohl die Geschichte um verschiedene Frauenschicksale offiziell nie in die iranischen Kinos kam. Nicht in der Vitrine stehen all die weiteren Preise, die der Regisseur, der 2010 zu 20 Jahren Berufsverbot verurteilt wurde, in der Zwischenzeit bekommen hat.

Sollte Asghar Farhadi am 26. Februar den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewinnen, wird er die Trophäe für „The Salesman“ nicht entgegennehmen. Seine Reise nach Los Angeles hat er abgesagt, aus Protest gegen die von der  US-Regierung verhängten Einreisebeschränkungen gegen sieben muslimische Länder, unter anderem den Iran. Farhadis international gefeierte Filme genießen in seiner Heimat Kultstatus. Die Generation der 25- bis 40-Jährigen kann sich mit seinen in der iranischen Gegenwart verankerten Figuren identifizieren, mit einem urbanen, globalisierten Lebensgefühl, das allerdings nur in den eigenen vier Wänden offen gelebt werden kann.

Zu Beginn von „The Salesman“ bekommen eben diese Wände Risse. Zunächst im konkreten Sinn: Am späten Abend müssen Emad (Shahab Hosseini) und seine Frau (Taraneh Alidoosti) fluchtartig ihre Wohnung verlassen, da das Haus einzustürzen droht. Ein Blick aus dem Fenster zeigt die Ursache, einen Bagger. Offenbar ohne statische Vorkehrungen hat man gerade das Nachbarhaus dem Erdboden gleichgemacht. Wenn Emad wenig später aus dem Fenster seiner neuen, vorübergehenden Bleibe schaut, wird er zu einem Freund sagen: „Man müsste diese Stadt niederreißen.“ Dieser antwortet: „Es ist bereits einmal passiert. Da kam nichts dabei raus.“ Nach dieser für Farhadi ungewöhnlich offenen Anspielung auf die sogenannte Islamische Revolution räumen die Männer weiter den Umzugswagen aus.

In präzise ins Bild gesetzten Details skizziert Farhadi das Leben des jungen Paares. Emad ist ein engagierter Lehrer. Gemeinsam spielt er mit seiner Frau am Abend Theater, gerade führt man Arthur Millers Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ auf. Mit grau gepuderten Haaren und dicker Schminke treten Rana und Emad als ein Ehepaar auf die Bühne, das sich in Lebenslügen verstrickt hat. Es ist zu spüren, dass hier nicht nur Theater gespielt, sondern auch ein Stück noch ungeahnter Realität auf der Bühne ausgetragen wird. Geschickt nimmt Farhadi das Thema des späteren Dramas vorweg, verwebt   das Theaterstück mit dem Alltag des Paares. Nachts verharrt die Kamera vor der Tür der neuen Wohnung, dabei macht der Regen keinen Hehl aus seiner Künstlichkeit. Auch die eigenen vier Wände werden zur Bühne. Oder auch zum Setting eines Krimis: Eines Abends geht Rana nach der Vorführung vor ihrem Mann nach Hause. Als es unten  klingelt, drückt sie den Summer, weil sie denkt, dass es Emad  sei. Wie in einem Genrefilm wird sich die Wohnungstür öffnen, langsam und quietschend.  Wenn  Emad später tatsächlich die Treppe hochsteigt, findet er Blutspuren. Rana wurde von einem Mann attackiert.

Man wird nie erfahren, was genau passiert ist. Doch die Gewalttat führt zur grundlegenden Verunsicherung des Paares. Die Nachbarn vermuten, dass es sich bei dem Mann um einen Freier der Vormieterin handelt, die, auch wenn es nie  ausgesprochen wird, als Prostituierte arbeitete. Emad geht auf Tätersuche. Seine Frau bricht eines Abends eine Vorstellung ab. Sie sagt, dass ein Zuschauer sie an den Täter erinnert habe, dass sie nicht länger angestarrt werden möchte.

Und das ist Thema von „Salesman“:  Während sie als Schauspieler im Theater den Blick der Zuschauer brauchen, müssen sich Rana und Emad jenseits der Bühne von den Blicken der anderen befreien. Der Film wird zum fein beobachteten Drama eines jungen Paares, das versucht, sein Leben selbst zu gestalten, von der Außenwelt jedoch daran gehindert wird. Dass diese Außenwelt unweigerlich auch zur Innenwelt wird, ist nicht nur das Drama der beiden, sondern der iranischen Gesellschaft, als deren kluger Chronist sich Asghar Farhadi wieder einmal erweist.