In Martin Scorseses neuem Film „The Wolf of Wall Street“ gibt es einiges zu sehen. Etwa dies: Während eines Charter-Flugs feiern New Yorker Finanzjongleure mit einem Sondertrupp Huren eine Orgie an Bord; jeder treibt es mit jeder, und zwischendurch werden Drogen gereicht zur Erfrischung.

Zuvor jedoch, gleich zu Beginn des dreistündigen Epos’, zieht sich die von Leonardo DiCaprio verkörperte Hauptfigur Jordan Belfort während einer Fahrt in der Status-Limousine eine Linie Koks aus der Po-Spalte einer weiteren Hure, wobei deren perfekt gerundeter Hintern anerkennend ins Bild gerückt ist.

Jordan liebt Drogen und scheut sich nicht, diese Neigung auszuleben: Kokain und Quaaludes (das Hypnotikum Methaqualon) hat er stets dabei, obwohl Quaaludes in den 1980ern, der Handlungszeit des Films, nicht mehr hergestellt werden. Aber irgendwo finden sich immer noch Restbestände für jemanden, der so unanständig reich ist wie Jordan.

Apropos unanständig: Jordan liebt auch besonderen Sex und ist keineswegs zu schüchtern, dies vor allem Frauen mitzuteilen in wenig literarischen Worten. Eine weitere Szene zeigt, wie Jordan von einer wieder anderen, auf diese Praxis spezialisierten Hure eine brennende Kerze in den After geschoben wird, wonach der heiße Kerzenwachs von ihr auf seine nackte Haut geträufelt wird. Ah, das findet Jordan ganz toll.

Und es sieht ziemlich schön aus – in kaum einem seiner Filme ist Martin Scorsese, die US-amerikanische Regie-Legende, der Faszination des Dekadenten wohl so erlegen wie in „The Wolf of Wall Street“, der auf den gleichnamigen Memoiren des erfolgreichen Anlagebetrügers Jordan Belfort basiert.

Und kaum einer von Scorseses Filmen hat so viel schrägen Humor; ja, es gibt sogar Slapstick-Szenen, wenn der Meister uns nicht gerade Orgie um Orgie zeigt, was einen beträchtlichen Teil der Laufzeit füllt und in dieser Redundanz dann doch irgendwann an Reiz verliert.

Andererseits sind diese orgiastischen Massenszenen sagenhaft effektvoll choreografiert: Ganze Büroetagen von Jordans Firma feiern kollektiv mit Sex und Drogen, und der Kinozuschauer befindet sich mittendrin. Benommen taumelt die Kamera von Rodrigo Prieto zwischen den enthemmten Geldmaklern umher; ganz fliegendes Auge zieht sie an Garden nackter Frauen vorbei, um dann über dem Tumult herumzukreiseln.

Diese Inszenierung ist Gegenstand einer Debatte in den USA, wo sie als „Glorifizierung von Kriminellen“ kritisiert wurde. Moralismus oder Intimität sind tatsächlich nicht Scorseses Stärke. Und Achtung: Das ist meine Lieblingsszene – sie zeigt Jordans fetten Freund Donnie (gespielt vom genialen Jonah Hill) nach dem Genuss etlicher Quaaludes mit einem riesigen Python um Hals und Schultern am Broker-Schreibtisch stehend, völlig überwältigt von den eigenen Omnipotenzphantasien. Ja, dies ist das Leben, von dem andere glauben, dass es das wahre ist: ein Leben im rasenden Vollgefühl von allem.

Und darum dreht sich auch alles in „The Wolf of Wall Street“ – jedenfalls aus der Sicht der schmierlappigen Helden, die mit Jordans Hilfe schnell und illegal das große Geld verdienen. Aber es geht aus der Sicht des Regisseurs auch darum, wie Leben vergiftet wird durch die Gier nach allem, besonders nach Geld und Adrenalin-Highs. „The Wolf of Wall Street“ will Scorsese zufolge ein Film über den Rausch sein und über den Vergiftungszustand danach; und seine ästhetischen Mittel wählt er also adäquat im Aufblasen der Entgrenzung, dem Ausreizen von Kontrollverlust.

Und weil vorhin von Humor die Rede war: Jordans Kontroll- und Realitätsverlust kulminiert in der zugleich lustigsten wie absurdesten Szene dieses Films, als er – bis oben hin voller Quaaludes – mit seinem weißen Sportwagen von hier nach da fährt, und am Ende ist er völlig überrascht, ja begeistert, dass er die Strecke ungeachtet der Totaldröhnung unfallfrei bewältigt hat.

Am nächsten Morgen warten zwei Polizisten bei seinem Wagen: Totalschaden, ebenso an anderen, arglos geparkten Autos. Natürlich hat sich auch das FBI längst an die Jordans Fersen geheftet, so viel schnelles Geld stinkt zum Himmel.

Martin Scorsese hat die Kriminalität in seinem Heimatland in ihrer Entäußerung als Gewalt aus vielen Perspektiven filmisch reflektiert: als Verbrechen Einzelner bei entsprechender gesellschaftlicher Prägung („Taxi Driver“), als strukturelles Problem von Kommunen, Gruppen, Institutionen („Departed – Unter Feinden“; „Gangs of New York“) oder gleich als organisiertes Verbrechen wie in seinen Mafia-Filmen („Good Fellas“). Kriminelle Geldflüsse inszenierte er bezwingend in „Casino“, seinem Mafia-Film über Las Vegas: Dort sah man Dollarscheine en masse in Zählmaschinen zappeln. Und Männer in der Wüste von Nevada sterben.

In „The Wolf of Wall Street“ gibt es hingegen weder Opfer noch Gegner, die diese Bezeichnungen verdienen – auch das wurde dem Film zum Vorwurf gemacht. Seltsam glamourös wirkt hier noch Jordans in Dollarbündel eingepackte Ehefrau.

Darüber hinaus spiegelt der Film sehr wohl die Verhältnisse: „Blasen schaffen und die Leute süchtig machen danach“, das sei es, was sie tun, erklärt ein Broker anfangs Jordan. Im Film herrscht denn auch die symbolische Repräsentation vor: Fragwürdige Wertpapiere statt Schusswaffen, Broker-Büros statt Treffen beim Italiener.

Vor allem aber sind es Zahlen, an denen der Erfolg bemessen wird – und zwar der als Verkäufer wiederum symbolischer Werte. „Dial & smile“, „telefoniere und lächle“, impft Jordan seinen Angestellten ein, wobei der Zuschauer auch etwas lernt über das Verkaufen, ob nun von Wertpapieren oder Konsumgütern: Erfolg hat dabei nur, wer künstlich so viel Dringlichkeit erzeugt, dass der potenzielle Käufer dem Produkt nicht widerstehen kann.

Mein zweiter Lieblingseffekt in diesem Film: Dass Martin Scorsese diese ungeheure fiebrige Energie und das glamourös Verlebte in einem zu attraktiven Schauspieler wie Leonardo DiCaprio zu entfesseln versteht. So wie Jordan hat man nie ein Arschloch bestaunt.

The Wolf of Wall Street, Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: Terence Winter, Kamera: Rodrigo Prieto, Darsteller: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Cristin Milioti u. a.; 180 Minuten, Farbe. FSK ab 16.