Marianne ist ein weltberühmter Rockstar und Paul ein weltbekannter Fotograf. Gemeinsam wollen sie einen schönen, ruhigen Urlaub verbringen in der schönen, ruhigen Villa eines Musikproduzenten auf der italienischen Insel Pantelleria. Luca Guadagninos Film „A Bigger Splash“ beginnt mit Bildern eines nicht mehr ganz jungen Paares in der Blüte der Vertrautheit: Zärtliche Blicke, Sex im Pool, faule Nachmittage am Strand. Marianne und Paul sind seit fünf Jahren beisammen. Sie hat gerade eine Operation der Stimmbänder hinter sich und darf noch nicht sprechen, er holt ihr das Gurgelsalz und die Tabletten.

So könnte es noch wochenlang weitergehen, wenn Marianne nicht einen alten Freund eingeladen hätte. Der Musikproduzent Harry ist nicht nur ein unangenehmer, ja sogar gefährlich überdrehter Charakter – er erscheint auch mit einer „Überraschung“: seiner eiskalten Tochter Penelope. Die behauptet, 22 Jahre alt zu sein, ist aber erst 17, und sie genießt es so richtig, ihre Wirkung zu testen und ruhige Wasser in tosende Meere zu verwandeln. Zwei Paare an einem scheinbar idyllischen Ort. Die Schlange ist auch schon in diesem Paradies, und das Reptil hat zudem all seine Verwandten mitgebracht.

Alte Bekannte

Älteren Kinogängern wird die Konstellation dieses Films bekannt vorkommen; sie haben ihn so ähnlich schon einmal gesehen, vor mehr als 40 Jahren. In Jacques Derays „Der Swimmingpool“ (1969) verbringen Marianne und Jean-Paul ihren Urlaub im südfranzösischen Saint-Tropez. Romy Schneiders Marianne von damals wird nun von Tilda Swinton verkörpert und zudem mit einer von der Protagonistin nicht ganz unerwünschten Sprachlosigkeit ausgestattet; und Alan Delons Jean-Paul wird jetzt zum Paul von Matthias Schoenaerts. Als Harry wird Maurice Ronet von Ralph Fiennes abgelöst, und an Stelle von Jane Birkin sehen wir Dakota Johnson als Penelope – jawohl, jene Schauspielerin aus der Kinoadaption von „Fifty Shades of Gray“.

Stellt sich die Frage: Kann das etwas werden bei diesem legendären Vorgängerfilm? Luca Guadagnino, der Regisseur des auf aktuell getunten Remakes, beruft sich ausdrücklich auf das Vorbild, und er hat seinen Film auch nicht zufällig „A Bigger Splash“ benannt, genau so wie das berühmte Gemälde von David Hockney. Dass seine doppelte Hommage ausgerechnet eine italienische Insel zum Handlungsort hat, ist einem Brisanz-Streben geschuldet, das – wie viele andere moderne Kunst auch – brav der Nachrichtenlage folgt. Und so ärgert es einen, dass die vier wohlbetuchten Prominenten-Protagonisten immer wieder Bootsflüchtlingen begegnen, die dann etwa Penelopes wenig bekleideten, marmorweißen und perfekt proportionierten Körper anstarren und zwar in einem antiken Ruinenfeld. Ein sich ankündigender Sandsturm, der Scirocco, verweist gleich noch auf die sich ebenfalls ankündigende Beziehungskatastrophe, die sich daraus ergibt, dass vier Neurotiker unbeschäftigt aufeinander hocken und sich entsprechend auf die Nerven gehen – die Promi-Immobilie als Dampfkessel.

Viele Tiere

Dabei hebt die durchaus schöne Inszenierung immer wieder Details heraus, die von der Kamera zentral ins Bild gefasst werden. Vorzugsweise sind das Tiere: die erwähnten Hufeisennattern, aber auch Fische, ein Gecko und einen Hund – lesbar als offensichtliche Verweise auf die animalische, triebhafte Natur des Menschen, die besonders von Harry ausgelebt wird. Und das in einer Entgrenztheit, die Marianne ebenso fasziniert wie verstört. Ihr Selbstschutz gebietet ihr, Distanz zu wahren; ihre latente Lebensmüdigkeit rät ihr nachzugeben. Ralph Fiennes verkörpert hier die vielleicht mieseste Rolle seiner Karriere, während Tilda Swinton spielt, wie sie immer spielt: Begnadet, wie eine Königin. Dakota Johnson ist komplett fehlbesetzt als Lolita-Wesen. Nur der belgische Schauspieler Matthias Schoenaerts, ein verhinderter Selbstmörder, gewinnt in seiner Tragik Größe.

Guadagninos Film bezieht sich auf den Bruch, der Rock ’n’ Roll für die Konventionen westlicher Gesellschaften bedeutete. Askese (Mariannes Schweigen) und Exzess, Sucht und Suizid, Grenzen und deren Auflösung – das sind die Themen. Es gibt immer wieder tolle Bilder, etwa wenn der völlig enthemmte Harry zu „Emotional Rescue“ von den Rolling Stones gottgleich in der gleißenden Sonne tanzt. Interessant ist „A Bigger Splash“ vor allem durch quasi grafische Schauwerte, etwa Tilda Swintons ausschließlich schwarz-weiße Kostüme – Stoffbahnen, die wie verwundete Vögel durch die Gassen des Inselzentrums flattern. Enttäuschend aber ist der Film, weil er die pathologische Energie, die Fiebrigkeit, auf die er aus ist, aus Oberflächen beziehen muss, statt sie aus der Erosion scheinbar fester Beziehungen zu gewinnen.