Winfried kehrt als Toni Erdmann wieder

Winfried etwa erfindet sich in Bukarest neu, weil der alte Winfried keinen Anklang fand bei Ines: Ewig war er zu Scherzen aufgelegt, die nie zur Situation passten; stets mimte er den Spaßguerillero, der sich nirgendwo einfügt. Das verärgerte die disziplinierte, ernsthafte und leistungsorientierte Tochter. Also verschwindet Winfried aus Ines’ Leben.

Doch er kehrt als Toni Erdmann wieder. Angetan mit billiger Perücke, schlecht sitzendem Anzug und Scherzgebiss platzt dieses Alter Ego des Musiklehrers völlig unerwartet dazwischen, als Ines sich mit Freundinnen in einem teuren Restaurant trifft. Wer sich über diese Szene nicht kaputtlacht, dem ist wirklich nicht zu helfen!

Aber auch in Ines’ Firma wird Herr Erdmann gesichtet. Mal gibt er sich als Karriere-Coach aus, mal als deutscher Botschafter. Immer ist es auf verquere Art berührend, wie sich dieser verkleidete Vater seiner Tochter wieder anzunähern sucht und dabei doch deren Bemühungen torpediert, sich im beruflichen Konkurrenzkampf zu behaupten.

Einmal gewinnt das Wort „Klammern“ sogar eine äußerst anschauliche Bedeutung, als sich Winfried spaßeshalber mit Handschellen an seine Tochter kettet und den Schlüssel dazu nicht mehr findet. Hier hilft nur die Fahrt zum Kleinkriminellen.

Doppelter Konflikt

Gewiss werden in „Toni Erdmann“ zwei völlig konträre Lebensentwürfe der Revision unterzogen, doch ohne dass sie gleich aufgegeben werden müssten. Maren Ade ist Realistin; sie weiß, dass Menschen sich nur in Maßen zu ändern vermögen. Aber Ade ist auch erfinderisch, und so erzählt sie ihre Geschichte gewissermaßen inversiv, als doppelte Umkehrung des Generationenkonflikts: Vater und Tochter müssen einander gegenseitig an die Hand nehmen, ohne Handschellen, aber auch ohne eine Distanzmaschine wie das Handy.

Beide müssen lernen, dass Erwachsensein auch bedeutet, verschiedenen Rollen gerecht zu werden. Ines kann als Tochter eben nicht so geschäftsmäßig mit dem Vater umgehen, wie sie es anfangs tut. Winfried/Toni darf Ines in der Öffentlichkeit nicht einfach so vereinnahmen und damit kompromittieren, wie er es anfangs tut.

Film ging in Cannes leer aus

Im Mai wurde „Toni Erdmann“, 162 Minuten kurz und zu weiten Teilen in Rumänien mit einheimischen Darstellern gedreht, beim Festival von Cannes als neues deutsches Kinowunder gefeiert. Der Film ging indes leer aus bei der Preisvergabe. Das war nicht ganz gerecht; immerhin bieten Sandra Hüller und Peter Simonischek triumphale Darstellerleistungen. Besonders Hüller verfügt über unzählige Facetten zwischen Gleichgültigkeit, Ehrgeiz und latenter Traurigkeit.

Szenenapplaus gab es in Cannes, als Hüller sich als Ines ihre gesamte innere Bedrängnis nach Kräften aus dem Leib singt beim Karaoke zu Whitney Houstons „Greatest Love Of All“. Einzigartig ist auch die Begabung der Regisseurin zur Charakterstudie, zum Porträt.

Ades große Kunst wirkt beiläufig, fast zufällig − dabei arbeitet sie Jahre an einem Film und inszeniert akkurat. An „Toni Erdmann“ schrieb sie zwei Jahre, bevor das Projekt überhaupt in die Finanzierung ging. Maren Ade kann etwas Seltenes: nämlich den Zuschauer ständig überraschen, wenn sie das Suchen nach irgendeiner Balance von Nähe und Distanz in etwas Spielerisches verwandelt, das gern auch peinlich werden darf. Stichwort: Sperma-Törtchen.