Sehnsuchtsziele sind meistens enttäuschend, wenn man sie erreicht. So ergeht es auch dem alten Ehepaar, das nach einer langen Reise in seinem Wohnmobil endlich am Hemingway-Haus auf Key West ankommt. Statt einer Aura kultivierter Lebensart und Geist findet es eine Mischung aus Event-Tempel und Katzen-Asyl vor.

In der Villa im spanischen Kolonialstil trampeln Touristen herum, auf jedes Möbelstück halten sie die Kamera ihrer Smartphones. Hemingways Bett auf Dutzenden von Mini-Flatscreens. Die seltenen Katzen mit den sechs Zehen an den Vorderpfoten − angeblich Nachfahren von Hemingways Katze − können in Käfigen besichtigt werden.

Was für ein Zoo. Eine einzige Ernüchterung für den ehemaligen Lehrer John Spencer (Donald Sutherland), der die Namen seiner Kinder vergessen hat, aber freihändig Hemingway-Sätze zitiert. Im Hemingway-Haus kommt es denn auch zum Schlimmsten, was den beiden passieren kann. Sie werden voneinander getrennt, und er spürt es nicht einmal.

Ein amerikanischer Film sähe anders aus

Im Garten feiert eine kubanische Hochzeitsgesellschaft – das Anwesen ist eine begehrte, hochpreisige Location geworden. John, wie immer elegant mit hellem Hemd und Krawatte, tanzt überschwänglich mit, während seine halb bewusstlose Frau Ella (Helen Mirren) in einen Notarzt-Wagen geschoben wird. Es ist der traurigste Moment in diesem Film, auch einer der wahrhaftigsten. Eindrücklicher kann man die Einsamkeit und Ohnmacht am Ende eines langen gemeinsamen Lebens kaum in Bilder fassen.

Ella und John sind zu ungeladenen Zaungästen im Leben anderer geworden, peinlich, unappetitlich. Ella, die perfekt geschminkte Gattin, findet das selbst. Was für ein Paar: die sich immer aufrecht haltende Helen Mirren mit ihrer Neigung zu Wutausbrüchen und Donald Sutherland in seiner unwiderstehlichen Mischung aus Weisheit, Scham, Hilflosigkeit und Wärme.

„Das Leuchten der Erinnerung“ (Originaltitel „The Leisure Seeker“) ist Paolo Virzis erster in den USA gedrehter Film. Doch ein amerikanischer Film sähe anders aus. Es gibt einen unverhofften genitalen Vereinigungsversuch im Wohnmobil, den Ella mit den Worten abbricht „Sie können zur Seite treten, Soldat“ – und auch die körperlichen Hinfälligkeiten der beiden sind keineswegs nur angedeutet. 

Virzi beweist Liebe zu den Figuren

So etwas geht im Hollywood-Mainstream-Kino nicht. Was geht, konnte man in „Was das Herz begehrt“ sehen: Da kreischt Diane Keaton wie ein Cheerleader-Girl herum, weil ein ebenfalls längst nicht mehr junger Mann, Jack Nicholson, für einen Moment zufällig ihren nackten Oberkörper sieht.

Virzis Humor ist souverän, voller Liebe zu seinen Figuren. Nicht anders als in seinem italienischen Roadmovie „Die Überglücklichen“, der zwei aus der Psychiatrie entflohene Frauen begleitet, lässt er den Charakteren ihre Geheimnisse. Weil das so ist, muss Virzì auch keine Europäer aus diesem Ehepaar machen – aber er erzählt mit ihnen und durch ihr Leben von einem anderen Amerika. Dem der Siebziger Jahre, in dem gerade Jugendliche aus der Mittelschicht ausbrachen aus den vorgebahnten Wegen, dem Zwang zur Geldvermehrung und dem doppelgesichtigen Puritanismus.

Ella und John waren offenbar Hippies light, die dann doch ein bürgerliches Leben führten, Vorstadthaus, genug Erspartes. Der Soundtrack trägt da vielleicht ein wenig zu dick auf: „Freedom’s just another word for nothin’ left to lose.“ (Freiheit ist ein anderes Wort für Nichts-mehr-zu-verlieren-Haben) Das hören die Alten gern auf ihren Fahrten vorbei an Senioren-Residenzen, Themenparks, über endlose Highways hinweg. Die Kamera von Luca Bigazzi schafft große, leuchtende Panoramen, ohne die Künstlichkeit der Paradiese auszublenden. Überall ist Landschaft, nirgends Natur.

Ein Film zwischen Trauer und Trost

Während des Drehs im Sommer 2016 war der Präsidentschaftswahlkampf in vollem Gang. Einmal gerät John in einen der „Make-America-Great-Again“-Sprechchöre hinein und läuft mit wie einst Charlie Chaplin als Tramp in einem Arbeiter-Demonstrationszug. „Du hast doch sonst immer die Demokraten gewählt“, sagt Ella und lotst ihren Mann aus der Menge. Virzì flicht seine Abneigung gegen diejenigen, die das Land nun regieren, äußerst dezent ein. Er war ein wohlerzogener Gast.

Die Reise von Ella und John ist auch eine Reise durch ihr Leben. Wie alle Menschen, deren Vergangenheit einen weit größeren Raum einnimmt als ihre Zukunft, betrachten sie alte Bilder, in diesem Fall Dia-Aufnahmen. Die Schatten und Lichter, die sie auf ein Leintuch werfen, wühlen noch einmal Gefühle auf – retrospektive Eifersucht, tiefe Verletzungen, die Versäumnisse an ihren Kindern. Ein sanfter und zugleich übermütiger Film, der in der Schwebe bleibt zwischen Trauer und Trost.