Mitte der 1980er-Jahre, lange vor Harry Potter oder Ken Folletts Säulen und Toren, gab es schon mal ein überaus populäres Buch. Kein westdeutscher Haushalt schien damals ohne Noah Gordons „Der Medicus“ auszukommen; und auch in der Westberliner U-Bahn waren die Sitzbänke voll mit Lesern dieses Historienromans.

Dessen Reiz und Erfolg sind leicht erklärbar: Erzählt wird eine prächtige Reisegeschichte voller Abenteuer, und eine verbotene Liebe gibt es auch; der US-amerikanische Autor beschreibt Europa zudem im trübsten Mittelalter und setzt die kulturelle sowie wissenschaftliche Blüte der damaligen islamischen Welt dagegen. In der sogenannten Alten Welt war Gordons Roman ein Bestseller, in den USA nur ein Achtungserfolg. Da passt es, dass die Verfilmung des Buchs nicht aus Hollywood, sondern aus Deutschland kommt.

Dabei bemüht sich der Regisseur Philipp Stölzl (u.a. „Goethe!“) redlich, seinem Film etwas internationalen Glanz und damit kommerzielle Chancen auch im weltweiten Geschäft mitzugeben. Gedreht wurde auf Englisch, mit Stellan Skarsgard, Ben Kingsley und Olivier Martinez sind prominente Darsteller dabei.

Doch inhaltlich schleifen Stölzl und sein Drehbuchautor Jan Berger diverse Kanten und etwaige Stolpersteine des Romans auf ein mehrheitsfähiges Multiplex-Niveau herunter. Das ist bedauerlich. Denn Noah Gordons Roman mag zwar Flughafen- oder eben U-Bahn-Literatur sein, er enthält aber auch einige hübsch unbequeme Ideen.

Rob Cole, der junge Held des Romans wie Films, wächst im England des frühen 11.Jahrhunderts auf, einem schmuddeligen, von Seuchen geplagten Land. Es mangelt an allem, besonders an medizinischer Versorgung. Die übernehmen fahrende „Bade-Chirurgen“, Quacksalber, deren Fachwissen gerade mal von A wie Amputation bis H wie Holzhammer reicht. Bei einem solchen Amateurheiler kommt der verwaiste Rob unter und wird dessen Assistent.

Aber bald interessiert er sich für die seriöse Medizin und Chirurgie, so wie sie dafür ausgebildete Juden in den großen Städten praktizieren. Viele von ihnen haben bei dem Gelehrten Ibn Sina Avicenna – eine historische Figur – im persischen Isfahan studiert. Die Reise dorthin ist lang und beschwerlich für Rob der sich als Jude tarnt, weil Christen keinen Zutritt zu Ibn Sina Avicennas (Ben Kingsley) Schule haben. Doch weder Gefahren noch Schicksalsschläge halten Cole auf.

Das fortschrittliche, liberale Persien ist dann ein Kulturschock für Rob Cole. In Philipp Stölzls auch in Brandenburg gedrehter Kinoadaption wird Isfahan indes irgendwo nach Arabien verlegt, und der einzige Perser im Film ist ein schnöseliger Studienkamerad von Rob. Das irritiert indes nicht so sehr wie die zahlreichen Auslassungen: Dass selbst ein überlanger Film wie dieser hier die üppige Geschichte straffen muss, versteht sich, doch die Schnitte sind auffällig.

So macht die jahrelange Reise von London nach Isfahan einen Großteil des Romans aus, aber im Film wird daraus eine kurze Montage nebst Wüstenwanderung, bei der Rob Cole (ein so großäugiger wie blasser Tom Payne) die jüdische Edelfrau Rebecca (ebenfalls großäugig: Emma Rigby) kennenlernt.

Dass der Film so stark ins Episodenhafte verfällt und das literarische Epos auf zwei, drei griffige Konstellationen und Konflikte reduziert – Kingsleys Sina als Mann der Aufklärung, fundamentalistische Horden, die junge Liebe –, hat einen Grund.

Koproduziert wurde „Der Medicus“ unter anderem von der ARD-Firma Degeto: Man ahnt, dass der fraglos schön anzusehende Film im Kino nur Fragment ist und Weihnachten 2014 wohl eine Fernsehausstrahlung als Event-Mehrteiler folgen wird. Vielleicht macht „Der Medicus“ dann ja mehr Sinn und mehr Spaß.

Der Medicus (The Physician) Deutschland 2013. Regie Philipp Stölzl, Drehbuch: Jan Berger, Kamera: Hagen Bogdanski, Schnitt: Sven Budelmann, Musik: Ingo Ludwig Frenzel, Darsteller: Tom Payne, Ben Kingsley, Olivier Martinez, Emma Rigby u.a.; 155 Minuten, Farbe. FSK ab 12.