Wollte man Eleganz beschreiben, wäre Daniel Day-Lewis die richtige Wahl. Vor und hinter der Kamera stets makellos gekleidet, wirkt es, als sei sein Metier weniger das Schauspiel als die vollständige Beherrschung der Form. Der oft manische Charakter seiner Figuren steht zu seiner gelassenen, fast tänzerisch wirkenden Selbstkontrolle in keinerlei Widerspruch.

Zu sagen, die Rolle als extravaganter Modeschöpfer in Paul Thomas Andersons neuem Film sei ihm auf den Leib geschneidert, wäre demnach so naheliegend wie untertrieben. In der Tat hat sich nicht viel geändert. Denn ob Daniel Day-Lewis mit seinen langen Fingern prüfend über edle Stoffe gleitet oder als gieriger Gauner ein Messer wetzt, um es seinem Gegner in die Rippen zu stoßen – es ist im Grunde ein und dasselbe.

Für „There Will Be Blood“ hatten die beiden schon einmal miteinander gearbeitet, Anderson erhielt den Silbernen Bären bei der Berlinale, Day-Lewis den Oscar. Nun folgt, auf den grimmigen Ölbaron, die angemessen feinsinnige Rolle des Reynolds Woodcock, nur lose modelliert nach Vorbildern wie dem spanischen Couturier Cristóbal Balenciaga. Was sich wie eine Biografie anfühlt, ist in Wahrheit fein ausgedacht. Eine Welt tut sich auf, die ihren eigenen Regeln folgt. Ähnlich hat Anderson es in „The Master“ gemacht, und wie dort wird diese abgeschlossene Welt von einem Außenseiter bedroht.

Ein begnadeter Verführer

„Der seidene Faden“ ist zuallererst eine Feier des Handwerks, also nicht nur der Haute Couture, sondern des schöpferischen Prozesses an sich. Jeden Morgen stürmen fleißige Näherinnen das Londoner Wohnhaus, in dem Woodcock auch seine Werkstatt betreibt. Anderson hat sie mit echten Näherinnen besetzt, und das sieht man.

Ihre flinken Bewegungen bilden den Hintergrund zur absoluten Ruhe, die der Hausherr für seine Entwürfe braucht. In den kargen Fünfzigerjahren der britischen Nachkriegszeit beliefert er die Damen der Upperclass, mitunter auch Königshäuser. Versteht sich, dass der amerikanische Filmemacher die heiligen Handhabungen im „House of Woodcock“ durch Schnitt und Lichtsetzung so in Szene setzt, wie Reynolds seine Mode wünscht: exquisit.

Der pedantische Designer ist indes kein Asket, sondern ein begnadeter Verführer. Die junge Kellnerin mitteleuropäischer Abstammung, die er sich bald ins Haus holt, erfüllt zunächst alle Anforderungen: groß, wenig Brust, etwas Bauch. Seine Schwester Cyril, zweite Hausherrin und insgeheim Mutterersatz, nimmt sofort Maß. Eine stürmische Liebe beginnt, deren Vergehen drohend über allem schwebt. Was Cyril dann zu tun hat, weiß man aus einer früheren Szene. Es ist nicht schön.

Kann man Schauspieler und Figur noch trennen?

Mit Anklängen an Hitchcocks „Rebecca“ inszeniert Anderson eine klassische „Gothic Romance“, deren Unheil allerdings humoristische Züge trägt. Alma, beneidenswert selbstsicher gespielt von der Luxemburgerin Vicky Krieps, wird sich zu wehren wissen gegen das, was kommt. Wer um Day-Lewis’ Kunst der Beleidigung weiß, ahnt es. Das weibliche Wesen stört seine Kreise.

Das unvermeidliche Kratzen auf dem morgendlichen Toast verhindert seine Arbeit. „Den Tee nimmst du wieder mit, aber die Ablenkung bleibt hier bei mir“, brüllt er einmal, als sie ihm ungefragt etwas Gutes tun will. Kann man Schauspieler und Figur hier noch trennen? In Interviews zum Film spricht Krieps gelegentlich selbst von ihrem Kollegen als „Reynolds“ – Day-Lewis ist bekannt dafür, die Dreharbeiten in der Rolle zu verbringen. Ganz sicher war es ein Heidenspaß.

Alles so fein gearbeitet

Ohne Frage, Andersons Melodram würde versinken in einem Ozean prätentiöser Klischees vom Künstlergenie und seiner Muse, wäre das alles nicht so fein gearbeitet. Tatsächlich ist es das bisher ruhigste Werk des Mannes, der mit einem Film über die amerikanische Pornoindustrie („Boogie Nights“) berühmt wurde und es in „Magnolia“ Frösche regnen ließ. Day-Lewis spielt hier, durchaus ungewohnt, kein Monster. Sondern einen Mann, der im Banne kreativer Zwänge um seine Liebe ringt.

In Alma hat er die würdige Partnerin – und Gegnerin. In raffinierten Szenen erotischer Kommunikation zwischen zwei zarten, aber auch extremen Seelen deutet sich früh an, dass hier keiner den anderen einfach dulden wird. Alma findet die Schwachstellen dieses schwierigen Mannes, der von Frauenfiguren beherrscht wird, und am Schluss zu einer radikalen Lösung greift, gegen die sich ein Froschregen harmlos ausnimmt.

Man muss sich einlassen auf diese klassische Erzählform, die sich von heutiger Massenkonfektion so weit als möglich entfernt. Jonny Greenwoods wundersam entrückte, an französischen Impressionisten geschulte Klaviermusik hilft dabei enorm. In diese Harmonie platzt die Nachricht, Day-Lewis betrachte Andersons schwerelose Etüde in Moll als seinen letzten Film. „Die Verantwortung eines kreativen Lebens“ werde ihm immer mehr zur Last. Dabei könnte ihm dank „Der seidene Faden“ demnächst das Kunststück gelingen, mit seinem vierten Oscar den eigenen Rekord zu brechen. Hoffen wir einfach, dass er sich bei seinem angekündigten Rücktritt noch in der Rolle befand.