Eine Frau steht vor verschlossenem Tor. Ihr Gastgeber ist nicht da und auch nicht telefonisch zu erreichen. Andere Möglichkeiten, ans Ziel zu gelangen, kennt die Frau nicht oder  sucht sie nicht. Sie setzt sich hinter einen  Busch, um zu pinkeln. Das ist die Grundfiguration des Films „Halbschatten“ von Nicolas Wackerbarth: Probleme werden nicht gelöst, sondern stehen gelassen. Man macht dann eben was anderes. Der Film erzeugt ein Nachbild von im Wege stehender Materialität. Das Haus in Nizza ist in der Erinnerung massiver, als es tatsächlich ist mit seinen stereotyp luftigen Beton-Holz-Glas-Mischungen.

Die Frau vor dem Tor,  die Frau im Gebüsch heißt Merle (Anne Ratte-Polle) und wurde von ihrem Liebhaber Romuald in dessen Villa in Südfrankreich eingeladen. Dort aber trifft sie nur auf die Kinder, denn Romuald musste beruflich verreisen. Felix ist schwer in der Pubertät, Emma noch nicht ganz. Sie haben ihre Mutter verloren und lehnen Merle ab – also kümmert die sich nur noch um das Buch, das sie schreiben will. Merle soll Emmas Lieblingskuchen in der Patisserie abholen – sie vergisst es und kauft sich stattdessen ein Kleid. Die Stimmung wird aggressiver.

Man quält sich gegenseitig mit instinktivem Gefühl für die Schwachstellen des anderen. Merle lässt Felix dann auch mal im gerade mit giftigen Substanzen gereinigten Pool schwimmen. Zu einer Annäherung zwischen ihr und den Kindern kommt es erst, als Romuald eines Tages anruft, um Emma zum Geburtstag zu gratulieren, aber von Merle am Telefon mit Lügen abgewimmelt wird – das amüsiert die Kinder. Merle ist in einem Alter, in dem sie gerade noch in die Sphäre der Jugendlichen hinüberdriften kann oder sich aber bereits in autoritärem Älter-Sein üben kann.

Antipsychologisch, antinarrativ und antiexplikativ

Im weitgehenden Verzicht auf Handlung, Dialoge, Musik, Botschaft, in seiner „Oberflächlichkeit“ als Suggestion von Bedeutung durch starres Glotzen auf Personen und Schauplätze ist  Wackerbarths  Film    harte Berliner Schule. Man wird sich an die frühen Filme von Angela Schanelec, Thomas Arslan, Christian Petzold, Ulrich Köhler oder Christoph Hochhäusler einmal als an Dokumente eines filmischen Aufbruchs erinnern; mancher von ihnen hat den Begriff davon, was Film sein kann, erweitert. Doch dieser Aufbruch ist bereits historisch.

„Halbschatten“ gibt sich so antipsychologisch, antinarrativ und antiexplikativ, wie es die Berliner-Schule-Filme in der Mehrzahl sind. Aber Wackerbarth setzt dieser Anti-Kette nichts Positives, nichts Eigenes entgegen. Stattdessen wirkt der Stil, so extrem er ist, wie zitiert. Und man meint vorhersagen zu können, wie gleich wieder der landläufigen Erwartung eines dramaturgischen Griffs entgegengearbeitet wird. 

Die Figuren in „Halbschatten“  sind leer, verwahrlost, narzisstisch. Das setzt einem Wackerbarth so vor, als müsste man nicht erklären, wie sie so geworden sind. Und in der Tat muss er das auch nicht: Sie sind lediglich die Konsequenz des übermächtigen Stils.

Halbschatten Deutschland/Frankreich 2013, Buch & Regie: Nicolas Wackerbarth, Kamera: Reinhold Vorschneider, Darsteller: Anne Ratte-Polle, Leonard Proxauf,  Maren Kroymann u.a.; 80 Minuten, Farbe, FSK o.A.