„Mama?!“ – Es ist die ultimative Niederlage, als Angie Zuhause anruft, weil das Couchsurfen bei Freundinnen nicht mehr länger eine Option ist. Notgedrungen also kehrt sie zurück in Mama Monikas unbequemen Schoß, zurück ins Provinzkaff und nächtigt auf einer Luftmatratze neben dem Bett ihrer kleinen Schwester Kiki.

Es soll ja auch nur für ein paar Tage sein, maximal ein paar Wochen, so lange eben, bis die Teilnahme am Dschungelcamp klar gemacht ist. Beziehungsweise, als das dann wider Erwarten doch nicht klappt, die beim Promi-Zoo. Vorher gilt es halt nur noch das eine und das andere Problemchen zu lösen, und dann noch jenes, und dann dies noch. Und mit einem Mal wollen die Schwierigkeiten kein Ende nehmen, und nichts will sich mehr fügen, geschweige denn zum Guten.

Entwaffnende Authentizität

Dass sie an einem existenziellen Scheideweg angelangt ist, der keine Rückkehr ins alte Leben vorsieht, ist Angie, der Heldin von Mia Spenglers „Back for Good“, lange nicht klar. Genauer gesagt will sie nicht sehen und nicht wahrhaben, dass ihre beste Zeit als Reality-TV-Sternchen mit dem in der Welt der sogenannten sozialen Medien gefeierten Promi-Status ein für alle Mal vorbei ist.

Dass sie stattdessen droht zu einer jener lächerlichen Typen zu werden, die nicht merken, dass sie nicht mehr angesagt sind; eine dieser „Medienpersönlichkeiten“, die früher mal, aus welchen Gründen auch immer, einen gewissen Trash-Glamour verstrahlten, die jetzt aber nur noch peinlich sind und für die sich die Prominenten-Junkies entweder genüsslich fremdschämen oder über die sie sich mit nicht weniger Gusto lustig machen.

Dem herablassenden Mitgefühl, das sich gegenüber einer solchen Figur zuschauerseits mehr oder minder instinktiv einstellt, begegnet Kim Riedle in der Rolle der Angie mit angriffslustiger Ignoranz. Die als Tänzerin, Musikerin und Schauspielerin multi-talentierte Riedle, bislang vorwiegend fürs Fernsehen tätig, verleiht ihrer Figur eine entwaffnende Authentizität.

Das Leben trifft Entscheidungen

Mag ja sein, dass Angie nicht die Hellste ist und ihr Lebenstraum einer von der eher tiefergelegten Sorte. Das macht sie aber weder herzlos noch blöd. Eben dies herauszuarbeiten, ist das große Verdienst von Kim Riedles energetischem Spiel. Der Erbärmlichkeit ihrer Lage zum Trotz lässt sie Angie, die im Einstecken ebenso gut ist wie im Austeilen, in voller sexy Partygirl-Montur durchs verschnarchte Heimatnest stöckeln und ihr Bestes geben.

Denn bereits kurz nach ihrer Ankunft wird klar, dass Daheim keineswegs eitel Wonne und Sonnenschein herrschen: Mama Monika wird von ihren Sorgen fast zerfressen, Schwester Kiki kämpft mit Pubertät, Gesundheit und Mitschülerinnen, ein altes Familiengeheimnis droht aufzufliegen, Lebenslügen lassen sich nicht mehr länger aufrechterhalten. Pläne scheitern reihenweise, während das Leben die Entscheidungen trifft.

Hoher Wiedererkennungswert

In dieser Falle können sich auch jene Zuschauerinnen wiederfinden, die auf High Heels keinen Meter vorankämen. „Back for Good“ fächert eine vielfältige Problemgemengelage auf, die, vereinzelten, fast schon satirischen Zuspitzungen zum Trotz, wohl nicht nur dem weiblichen Publikum hohen Wiedererkennungswert bietet: der stressige Alltag von Alleinerziehenden, die Sorge von Freiberuflern um ihr tägliches Brot, die Angst vor Alter und Einsamkeit, die Nöte von Teenagern angesichts von Cybermobbing und Gruppenzwang.

Das ist ein ordentliches Angebot gewichtiger Themen, das Mia Spengler – die hier ihr gemeinsam mit Stefanie Schmitz verfasstes Drehbuch verfilmt – allesamt nicht auf die leichte Schulter nimmt.

Chuzpe und Mutterwitz 

Es erstaunt vielmehr die Souveränität, mit der sie ihre Bälle in der Luft behält, jedem die gebührende Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt und dabei vor allem den ausgelegten Tretminen der Farce ausweicht. Das heißt, alberne Scherze wird man, zum Glück, vergeblich suchen, ein warmherziger, sanfter Humor aber, der von Mitgefühl begleitet wird, findet sich reichlich.

Natürlich hilft auch die hervorragende Besetzung; neben Riedle agiert die verlässlich nuanciert spielende Juliane Köhler in der Rolle der angespannten Mutter sowie Leonie Wesselow mit dem Mut der Verzweiflung in der des widerspenstigen Nesthäkchens.

„Back for Good“ ist ein mit beeindruckend sicherer Hand inszeniertes Langfilmdebüt, das im Kern das Wesen seiner Hauptfigur widerspiegelt. Auch Angie nimmt den Mund immer wieder zu voll, doch sie blufft nicht. Wenn eine Frau der Tat gefordert ist, hadert und zetert sie nicht lange. Sie hat Chuzpe und Mutterwitz und sie lässt sich nicht unterkriegen, sondern steht wieder auf. Sie ist eine von uns und sie ist ziemlich super.