Eine große Chance hatte Roland Emmerich von Beginn an nicht. Als bekannt wurde, dass sich der Regisseur von Katastrophenfilmen wie „Independance Day“ der schwul-lesbischen Historie annimmt und einen Film über die Stonewall-Riots zu Ende der 1960er dreht, schlug ihm Häme entgegen. Einen Film über die emanzipatorische Initialzündung einer Minderheit vom Alien züchtigenden „Master of Desaster“, der nicht gerade als Feingeist gilt? Unmöglich.

Als dann im Sommer der Trailer erschien, war das Urteil der Community gefällt: Verlogene Geschichtsklitterung sei „Stonewall“, ein Schlag ins Gesicht all jener, die gegen die Unterdrückung von Schwulen, Lesben und Transgender gekämpft hätten. Unumstritten ist, dass in Emmerichs Film der weiße und adrette Hauptdarsteller Danny (Jeremy Irvine) den ersten Stein wirft und somit den gewaltsamen Straßenprotest gegen Polizei- und Staatsrepressalien einläutet, den Homosexuellen-Aufstand der Gäste des Stonewall Inn, einer New Yorker Schwulenkneipe in der Christopher Street, die später zum Namensgeber der weltweiten Umzüge wurde, mit der die Queer-Community bis heute für ihre Gleichberechtigung demonstriert.

Wer in Wahrheit den ersten Stein warf, ist bis heute nicht geklärt. Wohl aber waren es Latinos, Afroamerikaner und Transvestiten, die den Aufstand gegen die New Yorker Polizei an vorderster Front anführten – und eben nicht ein weißer Junge aus dem Mittleren Westen. Eine Minderheit, die in ihrer Emanzipationsfindung oft auf noch recht wackligen Beinen steht, nimmt es jedoch sehr genau mit der eigenen Geschichte und verzeiht diese eine Art von vermeintlichem White Washing nicht. Dass gerade Emmerich als Homosexuellem diese Sensibilität fehlt, mutet seltsam an. Doch ein Anliegen sei ihm der Film gewesen, sagte der Regisseur in Interviews, sichtlich bestürzt ob des Shitstorms aus den eigenen Reihen.

Und das Ergebnis? „Stonewall“ ist ein sympathischer, altbackener Film, der fast gänzlich ohne expliziten Sex auskommt. Was so schade wie komisch ist, denn längst hat expliziter Sex als Stilmittel auch das Mainstream-Kino erobert. Jede Fernsehserie wirkt da naturalistischer als der Schmuse-Sex zwischen Emmerichs Hauptdarstellern.

Doch das grundlegende Problem von „Stonewall“ ist nicht die absente Sexualität; es ist nicht die blasse Hauptfigur Danny, die neben den flamboyanten Nebendarstellern (allen voran Johnny Beauchamp als Dragqueen Ray Castro) wie das Abziehbild eines Cornfed-Boys aus dem Hinterland der USA wirkt. Es ist auch nicht diese seltsam artifizielle Kulisse im samtweichen Sonnenlicht, in der Emmerich seine Protagonisten anschaffen lässt und die aussieht wie die amerikanische „Sesamstraße“ der 1970er. Das Grundproblem ist das Label, mit dem Emmerich seinen Film verkauft und das einem die Geschichte vergällt. Denn „Stonewall“ hat de facto nur am Rand mit den Aufständen, dieser Zeitenwende in der schwul-lesbischen Selbstwahrnehmung zu tun. Der Film ist nicht mehr als eine bittersüße Coming-of-Age/Coming-Out-Geschichte, die ihren Helden viel liebevollen Raum lässt. Ab und an gibt es ein wenig Polizeistress im Nachtclub, doch darüber hinaus sind Roland Emmerichs Schwule, Lesben und Transgender ein selbstbewusster Haufen, der die „Act Up!“-Phase längst hinter sich hat und dröhnend die Straße runter tanzt, immer einen flotten Song auf den Lippen.

Weniger Vogueing, mehr Wut hätten hier gut getan. Allein eine Szene im legendären Meatpacking District, ureigenes Land aller Drop-outs und vom Regisseur stilvoll mit ganz viel Dampf aus dem Gulli inszeniert, hat das Zeug, die Brutalität der Repression, den Hass auf die Minderheit zu zeigen, wenn Danny seine Naivität mit einer schlimmen Tracht Prügel bezahlt. Die Aufstände selbst sind dann nicht mehr als eine flott inszenierte Massenkeilerei, an deren Ende die Emanzipationsbewegung steht. Emmerichs „Stonewall“ ist darüber hinaus kein schlechter Film. Es ist ein Film, der in jeder Sekunde darum bittet, geliebt zu werden, voll Sympathie für seine Protagonisten und ihre Lebensumstände. Ohne den irreführenden Überbau als vermeintliche historische Aufarbeitung hätte er es unter Umständen auch geschafft.

Stonewall USA 2015. 129 Minuten, Farbe. FSK ab 12 Jahre. Ab heute im Kino.