Filmmuseum Potsdamer Platz: Größer als die Wirklichkeit

Viele Unwägbarkeiten und Unwahrscheinlichkeiten prägten das Leben von Klaus Hugo Adam. Am 5. Februar 1921 wurde er als Sohn des jüdischen Kaufhaus-Besitzers Fritz Adam in Berlin geboren. 1934 emigriert die Familie nach London, ab 1941 ist der Deutsche Kampfpilot der Royal Air Force und begleitet dabei auch alliierte Bomber auf ihren Einsätzen. Zwei Jahre nach Kriegsende erhält er die britische Staatsbürgerschaft, es folgt die Namensänderung zu Kenneth „Ken“ Adam. Sein künstlerisches Interesse und Talent führt ihn zum Film, erst als Zeichner, bald als Art-Director. Adam wird künstlerischer Leiter verschiedener Kinoproduktionen. Schon 1957 gibt es eine Oscar-Nominierung für die Arbeit an dem farbenfrohen Spektakel „In 80 Tagen um die Welt.“ Zu Adams Folge-Aufträgen gehört ein Agentenabenteuer: Niemand erwartet viel von Terence Youngs „James Bond jagt Dr. No“, doch der Film wird auch für Ken Adam zum großen Durchbruch. Kurz darauf folgt eine erste Zusammenarbeit mit Stanley Kubrick an „Dr. Seltsam“ (1964), für den er den beeindruckenden unterirdischen „War Room“, die riesige Schaltzentrale des US-Präsidenten, entwarf.

Rund 6200 Objekte ausgestellt

Bond und Kubrick sind die strahlkräftigen Eckpunkte im Werk von Ken Adam, das eine wirklich bemerkenswerte Ausstellung im Berliner Museum für Film und Fernsehen nachzeichnet. Adam hat seine Bestände komplett der Deutschen Kinemathek übergeben, Leiter Rainer Rother spricht am Mittwoch bei der Pressekonferenz zur Vernissage von „überschlägig“ 6200 verschiedenen Objekten.

Gut 320 Exponate sind in „Bigger Than Life − Ken Adam’s Film Design“ zu sehen, Skizzen, Grafiken, private Fotos und Filmaufnahmen. Aber auch Auszeichnungen wie Adams Oscar für „The Madness of King George“ (1994) und hübsche Modelle, die an der TU Braunschweig auf Grundlage von Ken Adams Entwürfen und ihrer filmischen Umsetzung entstanden sind.

Ein besonderer Schwerpunkt von „Bigger Than Life“ ist dabei nicht ohne Grund Adams letztem 007-Projekt, „Moonraker“ (1979), gewidmet; eine Skizze zum Film bildet auch das Ausstellungsplakat. „Moonraker“ war der fast schon barocke Schlusspunkt der alten Bond-Philosophie, bei der von Film zu Film Spektakel und Schauwert erhöht wurden.

Von Auric Goldfingers Büro und die Tresor-Säle von Fort Knox über Blofelds geheime Raketenbasis in einem japanischen Vulkan in „Man lebt nur zweimal“ (1967) bis zu dem Supertanker als Atom-U-Boot-Basis in „Der Spion, der mich liebte“ (1977) hatte Adam immer mehr Geld und künstlerische Freiheiten bekommen. Seine Bond-Gegner lieben den protzigen Auftritt, rohen Beton, Edelstahl, mit Servomotoren bewegte Klappen, Türen, Rampen.

In „Moonraker“ gibt es alles: Ein französisches Schloss, eine gewaltige Zentrifuge für das Astronauten-Training, ein im venezianischen Altbau verstecktes Kampfstoff-Labor, eine am Amazonas gelegene, in einen alten Maya-Tempel untergebrachte Startrampe für Raumschiffe, eine Orbital-Station. Als Film ist „Moonraker“ nur bunte Zerstreuung, aber mehr „Aaahh!“ und „Ooohh!“ war im Kino und bei 007 selten.

Die beachtliche Sogwirkung der Adamschen Gestaltungsideen wird in der Berliner Ausstellung, die noch bis zum 17. Mai 2015 läuft, überdeutlich. Zur Eröffnung war der inzwischen 93-Jährige auch da, bei einem kurzen Fototermin beantwortete er ein paar Fragen, erst auf Englisch, bald aber auch in fehler- und akzentfreiem Deutsch. „Unglaublich“ findet Adam die ihm und seiner Arbeit gewidmete Ausstellung, er sei begeistert von der Energie und den Ideen. Natürlich hätte er „Bigger Than Life“ lieber in der Royal Albert Hall gesehen, albert er, aber da sei wohl kein Platz mehr. Kinemathek-Leiter Rother hatte zuvor schon erklärt, Adam habe seine Sammlung (bei der Ausstellung ergänzt um diverse Leihgaben z.B. der Bond-Produktionsfirma Eon) komplett nach Berlin gegeben, um sie Arbeitsgrundlage wie auch als Inspirationsquelle zu erhalten. Im kommenden Jahr sollen Adams Arbeiten online verfügbar sein, als Bestandsverzeichnis im Netz.

Ein schönes, ein großes Projekt, pflichtschuldig zählt Rainer Rother alle Sponsoren und Unterstützer auf, vom Hauptstadtkulturfonds über die Telekom und Maxdome bis zu „Metallbau Müller“, wo ein 1:1-Modell des Laser-Satelliten aus „Diamantenfieber“ (1971) angefertigt wurde, der bedrohlich im Innenhof des Filmhauses hängt.

Rother nennt Ken Adam „den berühmtesten Production Designer der Filmgeschichte.“ Gerade die physischen, physikalischen und materiellen Begrenzungen haben Adam herausgefordert, im Zeitalter digitaler Bildgestaltung ist heute aber nichts mehr unmöglich. Nach einem Lieblingsprojekt gefragt, erklärt Ken Adam, die frühen Bond-Filme seien schon toll gewesen. „Da musste ich dafür sorgen,“ sagt er, „dass alles größer und teurer aussieht, als es eigentlich war.“ Auch das hat er geschafft.