Berlin - Wenn man die verschiedenen Grußadressen der Leitungsebene erst einmal durchgesessen hat, kann so eine Gala recht interessant werden. Jedenfalls war das am Samstagabend bei der Verleihung der 24. Europäischen Filmpreise im Berliner Tempodrom so.

Nachdem – in dieser Reihenfolge – Marion Döring (ausführende Gala-Produzentin), Bernd Neumann (deutscher Kulturstaatsminister), Wim Wenders (Präsident der Europäischen Filmakademie EFA) und Volker Schlöndorff (EFA-Chairman) ihre Reden gehalten hatten, durfte man anhand der Preisentscheidungen zu einer Art Realitätscheck der Verlautbarungen übergehen. Nicht, dass man dies vorgehabt hätte – es ergab sich vielmehr wie automatisch, da nun mal alles gesagt wurde und das auch noch von jedem.

Wie würdigten also die europäische Filmfunktionäre das europäische Kino, während uns Europa an sich um die Ohren fliegt? Mit geradezu markerschütternd idealistischen Phrasen. Wim Wenders beschwor gerade in Zeiten ununterbrochener Gipfeltreffen ein anderes Europa, das nicht den Finanzmaklern unterworfen ist, sondern jenen gehört, die das Kino lieben.

In diesem Verständnis war es selbstredend ein reiches Jahr 2011, nämlich ein vorzüglicher Filmjahrgang, der bestätigen würde, dass „Europa sehr gesund“ sei. Integration und Solidarität sind Wenders zufolge der einzige Weg in die Zukunft – ja, auch die Rolle des Politikers füllt der Regisseur professionell aus, als er etwas schlicht fortführte, Kino sei dazu da, die europäische Idee mit Emotionen zu füllen. „Europa braucht mehr und mehr Bilder von sich, die optimistisch sind“, äußerte Wenders dazu noch im Vorfeld.

Nun wurde aber Lars von Triers Meisterwerk „Melancholia“ zum besten europäischen Film gewählt! Und der handelt, wie sich inzwischen herumgesprochen haben dürfte, vom Untergang der Welt, was im Kino zwar sehr schön aussieht, aber doch ebenso final wie letal ausgeht. Warum schreiben wir das alles auf? Weil wir von Künstlern auch Wahrhaftigkeit erwarten dürfen.

Wenigstens etwas von jener Wahrhaftigkeit, die etwa Wim Wenders’ am Samstag ausgezeichnete Tanztheater-Dokumentaion „Pina“ prägt. Vielleicht sogar Authentizität, wie sie der Überraschungspreisträger des Abends, der 85-jährige französische Schauspieler Michel Piccoli, zeigte. Er war sich nicht zu schade, ins Tempodrom zu kommen, während gleich drei der vier Hauptpreisträger die Reise nicht angetreten hatten. Colin Firth, Tilda Swinton und Lars von Trier ließen sich höflich vertreten. Wer international so arriviert ist, braucht die EFA Awards eigentlich nicht mehr.

Bernd Neumann sagte übrigens „ich drücke meiner Freude noch mal Ausdruck“. Etwa darüber, dass Europa nun geeint sei in Frieden und Demokratie. Nur durch die europäische Kultur könne sich Europa Neumann zufolge definieren. Das mache „unsere Identität“ aus. Nun ist Identität dieser Tage aber der schwierigste Begriff überhaupt.

Den Machern eines Films wie „The King’s Speech“ – der seit Monaten auf DVD erhältlich ist, aber dennoch nominiert und ausgezeichnet wurde – ging es wohl weniger um die europäische Identität als darum, ein britisches Königsdrama zu erzählen. Den Film zur europäischen Sache gibt es nicht. Wie wäre es mit „Eurobonds – Pay another Day“?