Filmpremieren in Cannes: Von der Verteidigung der Würde

Da liegt Anna nun in ihrem besten Kleid, umkränzt von Blüten, auf dem Ehebett. Ein Fenster des Schlafzimmers steht offen, als hätte ihr Mann diesen Ausgang genommen aus einem langen gemeinsamen, glücklichen Leben. Bis zuletzt, auch nach dem zweiten Schlaganfall, hat Georg seine Frau zu Hause behalten, wie er es ihr versprochen hatte. Er hat ihr anfangs auf der Toilette geholfen und später ihre Windeln gewechselt, ihr Geschichten erzählt, die sie nicht mehr verstand, und mit ihr gesungen, auch wenn sie nur zu lallen vermochte. Ohne viel Federlesens hat Georg jene Pflegerin entlassen, die Anna beim Kämmen der Haare Schmerzen bereitete und ihr danach einen Spiegel vorhielt – „Guck, wie hübsch SIE ist!“ –, obwohl Anna sich so nicht sehen wollte: nicht mehr Herrin ihrer selbst. Georg letzter Liebesbeweis ist der radikalste: Er bereitet Annas Qual ein Ende. Was dann mit ihm geschieht, kann der Zuschauer nur vermuten.

„Liebe“, so heißt die neue Arbeit von Michael Haneke. Es ist kein Film wie Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“, der mit einer Geschichte übers Sterben das Leben feiert. Nein, Haneke verfolgt einen anderen Ansatz: Er begleitet einen Greis beim Versuch, die Würde seiner schwer kranken Frau (Emmanuelle Riva) stellvertretend gegen die Umwelt zu verteidigen. Auch gegen das gemeinsame Kind, das den Fähigkeiten des Vaters misstraut und alles besser wissen will, nur weil es nicht zurechtkommt mit dem Verfall der Mutter. Isabelle Huppert spielt die Tochter zweier Musikprofessoren, die mit ihrem Mann im Ausland lebt und während ihrer Besuche Verantwortung eher demonstrieren als wirklich übernehmen will. Doch dies ist nicht Hupperts Film. „Liebe“ ist ein Geschenk für den inzwischen 81-jährigen Jean-Louis Trintignant, auch wenn dies vielleicht gar nicht Hanekes vordringliche Absicht war. Dieser Georg ist noch einmal eine große Rolle für den französischen Star, der – nachdem er so viele wortkarge, geheimnisvolle Männer, auch Liebhaber, gespielt hat – nun mit selbstverständlicher Zärtlichkeit eine Frau umsorgt, für die der Kontrollverlust über die eigene Körperlichkeit nicht zu ertragen ist. Wie in den meisten Filmen Hanekes geht es auch hier darum, wie vorbehaltlich und zerbrechlich doch der zivilisatorische Rahmen ist, in dem sich Leben vollzieht. All die Noten, Bilder und Bücher ändern nichts an Annes Schicksal: Krankheit ist eine Bastion des Unwägbaren, Schicksal.

Schön, aber keine Offenbarung

Der Haneke reißt es raus. Das wird endlich der große Film von Cannes. So war die Hoffnung nach vier Wettbewerbstagen, die enttäuschend zu nennen nicht übertrieben ist. „Liebe“ ist ein schöner, konsequenter Film, aber keine cineastische Offenbarung wie „Das Weiße Band“, dem 2009 die Goldene Palme zugesprochen wurde. Bedeutende Namen schmücken das Wettbewerbsprogramm des Festivals, darunter allein vier einstige Gewinner der Goldenen Palme. Doch im besten Falle verlässt man das Premierenkino Grand Théâtre Lumière berührt oder verstört.

Manchmal verlässt man es auch gleichgültig, wie nach dem rumänischen Beitrag „Beyond the Hills“. Dessen Regisseur Cristian Mungiu gewann 2007 für „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Goldene Palme, ein Drama aus Ceausescu-Zeiten, das gleichermaßen Gesellschaftsbild und Studie einer Frauenfreundschaft war. In seinem neuen Film erzählt Mungiu nun wieder von zwei jungen Frauen, die durch ihre Kindheit im Waisenhaus und eine lesbische Liebesbeziehung aneinander gebunden waren. Doch dann war Alina in Deutschland, und Voichita ging ins Kloster, wo sie die psychotische Alina nun beherbergt gegen den Willen des Abtes, der in der Fremden eine Gefahr für den Frieden der Gemeinschaft sieht. Mungiu verhandelt in unnötig langen zweieinhalb Stunden wenig profund Ethos und Dogma, Fragen des Gottesglaubens wie Zweifels und des Umgangs mit Außenseitern. Das ist sorgfältig inszeniert, sieht schön und fremd aus, auch als es erwartbar zum Exorzismus an Alina kommt. Doch mehr ist nicht. Immerhin ist man nicht verärgert, wie nach Thomas Vinterbergs Schmonzette „The Hunt“, in der ein Erzieher als Pädophiler denunziert wird. Mads Mikkelsen spielt den Gejagten, dabei ist dieser Schauspieler doch ein Jäger, ein Held!

Um Jahre zu spät

Manche Wettbewerbsfilme erwecken den Eindruck, sie kommen Jahre zu spät; bei anderen glaubt man, die Regisseure wären so ergriffen von ihrer eigenen Menschlichkeit, dass sie darüber das Denken vergessen. Wenn dann Genrekino wie „Lawless“ auf dem Programm steht, freut man sich fast. Zu früh! Die Geschichte von vier wackeren Brüdern, die zur Prohibitionszeit in Virginia Schnaps brennen und von einem sadististischen Bundesagenten terrorisiert werden, wirkt bei aller – zu expliziten – Gewalt seltsam steril und unerheblich. Ändern kann dies auch nicht der Unfug, den der Regisseur hier vor Ort äußerte. Heute gebe es eine Menge Parallelen zur damaligen Zeit, so John Hillcoat: eine Finanzkrise, den Kampf gegen Drogen, verunsicherte Menschen. Vielleicht hat der Mann ja vor der Pressekonferenz zu tief ins Glas geschaut.

Immerhin liefen für diesen Film Mia Wasikowska, Shia LaBeouf, Tom Hardy und Jessica Chastain über den roten Teppich. Nick Cave hat auf der Grundlage eines Tatsachenberichts das Drehbuch zu „Lawless“ geschrieben – und ist an der Croisette nicht die einzige zum Kino gewechselte Pop-Legende. Peter Doherty, ehemals bei den Libertines und Babyshambles, spielt neben Charlotte Gainsbourg in „Confessions of a Child of the Century“, der Adaption eines Romans von Alfred de Musset. Und wenn man eine Parallelgasse der Croisette betritt, steht man unversehens vor Gemälden des Rolling-Stones-Gitarristen Ron Wood. Sie zeigen vor allem Ron Wood beim Gitarrespielen! So zeigt sich auch das Festival von Cannes in diesem Jahr selbst beim Festivalspielen.