Szene aus dem Film „Killer of Sheep“.
Fotot: Les Films du Paradoxe

BerlinZu den traurigen Versen und Tönen von Dinah Washingtons „This bitter Earth“ wiegt sich ein tanzendes Paar im Gegenlicht – ein überraschender Moment zwischen zwei Menschen, die sonst einander nur in Eile begegnen. Doch der Mann weicht aus, kehrt zur Routine der emotionalen Verdrängung zurück. Wenig später ist Charles Burnetts Anfang der 70er-Jahre in Los Angeles gedrehter Spielfilm „Killer of Sheep“ auch schon vorüber. Er versagt seinen Helden ein Happy End. Alles andere wäre Lüge gewesen.

Dieser wegweisend-semidokumentarische Spielfilm über einen Schlachthof-Arbeiter und seine Familie entstand als Solitär. Er war so ungewöhnlich, dass er zunächst keinen Verleih fand. Erst 2007 wurde eine Restaurierung vorgenommen, die dem Film seinen ihm zustehenden Platz im Olymp der Filmgeschichte sicherte. Dass er lange nicht adäquat verfügbar war, lag auch an ungeklärten Musikrechten.

Burnett hatte unbekümmert seine Lieblingsstücke über die Szenen gelegt: Stücke von Cecil Gant, Paul Robeson oder Earth, Wind & Fire, ohne zu überschauen, dass dies für ihn unbezahlbar war. Jetzt steht „Killer of Sheep“ als eines der wichtigsten Beispiele des Schwarzen Kinos im Zentrum der Retrospektive „Black Light“.

Die Filmreihe war 2019 in Locarno erstmals gezeigt worden. Kurator Greg de Cuir Jr. entwarf sein Programm „als Collage von verschiedenen Stilen, Genres, politischen und ästhetischen Herangehensweisen“. Dass keine Beiträge aus Afrika einbezogen wurden, versteht sich als bewusste Entscheidung. Es ging um die Reflexion von Entwurzelung, Erfahrungen von Diaspora, Demütigung und Überlebenswillen. Einbezogen wurden neben Klassikern von Melvin Van Peebles („Permission“), Spike Lee („She’s gotta have it“) oder Kathleen Collins („Losing Ground“) auch Arbeiten von Nicht-Schwarzen wie Samuel Fuller („White Dog“), Marcel Camus („Orfeu Negro“) oder Shirley Clarke („The cool World“).

Das Arsenal hatte vor dem 15. März mit der Retro begonnen. Nach der Ermordung von George Floyd ist sie aktueller denn je. Der Stummfilm „Within our Gates“ (1919) verweist auf Kontinuitäten. Oscar Micheaux war der erste schwarze US-Filmemacher überhaupt. Sein Melodrama war bewusster Gegenentwurf zu D.W. Griffiths „The Birth of a Nation“ (1915). Die Nachkommen der aus Afrika verschleppten Sklaven werden dabei keineswegs als die prinzipiell besseren Menschen dargestellt – wohl aber als diejenigen, die zuerst unter demagogisch aufgepeitschten Stimmungen zu leiden haben. Im Gegensatz zu Griffith ist Micheaux heute vergessen. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

Filmreihe „Black Light“ Kino Arsenal, bis zum 26. August. „Killer of Sheep“ läuft am 17. Juli und am 7. August. Der Stummfilm „Within our Gates“ wird am 17. Juli um 19.30 Uhr von Eunice Martins am Flügel begleitet.