Filmszene aus "Abgehauen" nach dem gleichnamigen Buch von Manfred Krug.
Foto: WDR/Alex Reuter

BerlinIn einigen Punkten funktionierte die DDR erstaunlich effektiv, auch dank preußischer Genauigkeit. So unterlagen die vielen MfS-Informanten regelmäßiger Berichtspflicht und erhielten bei guter Leistung Prämien. Sie trugen (meist selbst gewählte) Tarnnamen und waren innerhalb des unsichtbaren Heeres in verschiedene Kategorien eingeteilt. Eine für die Geheimpolizei besonders wertvolle Gruppe stellten die „IMBs“ dar – die „Inoffiziellen Mitarbeiter mit Feindberührung“. Die hier als „Feinde“ beschriebenen Menschen waren in der Mehrzahl Kollegen und Bekannte, auch Verwandte, ja sogar Geschwister oder Lebenspartner.

In bester Orwell’scher Umkehrung wurden also aus Freunden Feinde und umgekehrt. Als sich 1992 die Akten öffneten, wurde für viele kriminalisierte DDR-Bürger aus Vermutung Gewissheit. Peter Wulkau etwa erfuhr, dass sein vermeintlicher Vertrauter Hartmut Rosinger als IMB „Hans Kramer“ maßgeblich für seine Inhaftierung und damit für irreversible biografische Einschnitte verantwortlich war. Doch anders als in den allermeisten Fällen stellte sich der Zuträger seiner Vergangenheit und suchte das Gespräch. In ihrer Dokumentation „Feindberührung“ (2010) begleitete die Regisseurin Heike Bachelier den Prozess dieser schmerzhaften Konfrontation. Ihr Film ist einer der wenigen gelungenen Versuche einer differenzierten Opfer-Täter-Annäherung.

Frank Beyers „Abgehauen“ nach dem gleichnamigen Buch von Manfred Krug

„Feindberührung“ ist jetzt im Rahmen einer Retrospektive im Innenhof der einstigen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg wieder zu sehen. Einer der schlimmsten Tatorte Ost-Berlins wird somit zum Ort einer filmischen Austreibung. Auf dem Programm steht u. a. auch der 1998 von Frank Beyer nach den gleichnamigen autobiografischen Aufzeichnungen Manfred Krugs entstandene Fernsehfilm „Abgehauen“, in dem die dramatischen Entwicklungen in DDR-Intellektuellenkreisen nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns im Herbst 1976 rekonstruiert werden.

Einen weiteren Höhepunkt stellt der selten gezeigte Spielfilm „Fatherland“ von Ken Loach dar. Obwohl 1985 als britisch-bundesdeutsche Koproduktion entstanden, kam das sehenswerte Werk hier nie regulär ins Kino. Gerulf Pannach (1948–1998) spielt quasi sich selbst: einen dissidentischen DDR-Liedermacher, dem nach endlosen Schikanen nur der Ausweg in den Westen bleibt. Vor allem zu Beginn der Handlung gibt es zahlreiche biografische Überschneidungen; auch ist viel von Pannachs mit Christian Kunert entstandenen Musiken und Texten zu hören. Zuletzt schmettern die beiden Barden ihren „Blues in Rot“ ins Publikum. Das wirkt heute vielleicht etwas naiv, ergreift emotional aber noch immer.

Filmreihe „Der Duft des Westpakets“ Campus für Demokratie, Ruschestraße 103. „Feindberührung“ läuft am 25. 8., „Fatherland“ am 27. 8. und „Abgehauen“ am 1. 9.  jeweils um 19.30 Uhr. Eintritt frei. Im Anschluss an die Filme folgen Gespräche mit Zeitzeugen.