Paula Wessely, Adolf Wohlbrück in Maskerade, Deutschland 1934.
Foto:imago/United Archives

BerlinDas Wichtigste ist, sich die künstlerische Freiheit zu erhalten - so Adolf Wohlbrück in einem Interview des Wochenblattes Filmwelt im Juni 1935. Ein Jahr später setzte er sich aus Nazi-Deutschland ab. Er hatte viele Gründe, die Freiheit beim Wort zu nehmen. Über Frankreich und die USA gelangte er 1937 nach England, wo er zahlreiche Hauptrollen übernahm und später auch eingebürgert wurde. Das erste, was er im Exil unternahm, war jedoch eine Namensänderung: aus Adolf wurde Anton, Wohlbrück wandelte sich zu Walbrook.

Um den Adolf war es nicht schade, um den Familiennamen schon. Denn die Wohlbrücks bildeten eine traditionsreiche und weitverzweigte Theaterdynastie, deren Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichten. Als Wohlbrück/Walbrook im August 1967 nach einem Herzinfarkt auf einer Münchner Bühne starb, brach dieser Stammbaum ab. Das Zeughauskino widmet dem großen Darsteller nun eine umfangreiche Retrospektive.

Gezeigt werden über zwanzig Werke aus allen Schaffensphasen: angefangen von der Stummfilmzeit, über die Weimarer Jahre und den Nationalsozialismus, bis hin zu den Filmen im Exil und aus der Nachkriegszeit. Dabei sind alle von ihm mit Bravour ausgefüllten Genres: Verwechslungskomödien („Allotria“), Musicals („Der Walzerkrieg“), Krimis („Ich war Jack Mortimer“), Gesellschaftsparabeln („Der Reigen“) oder Psychothriller („Gaslight“).

Ein besonders turbulentes Beispiel für das frühe Actionkino war die Jules-Verne-Adaption „Der Kurier des Zaren“, die gleich dreimal mit Wohlbrück in der Titelrolle realisiert wurde. Zunächst entstanden 1935 in Berlin-Johannisthal unter der Regie von Richard Eichberg je eine parallel gedrehte deutsche und französische Version. 1937 folgte unter dem Titel „The Soldier and the Lady“ in den USA dann ein billiges Remake, das auch den endgültigen Abschied des Mimen von Deutschland markierte.

Hollywood hat Wohlbrück nicht gemocht, eine Rückkehr ins Nazi-Reich schloss er aber aus. Seinen zahllosen Fans in der alten Heimat hatte er mit „Der Kurier des Zaren“ eine ikonografische Erinnerung hinterlassen, mit der er noch einmal zu Hochform aufgelaufen war. Diesen Film heute wiederzusehen, löst zwiespältige Gefühle aus. Zum einen bezaubern die inszenatorische Eleganz, die Spiellaune und die dynamische Montage der Massenszenen. Dramatische Momente werden geschickt durch komödiantische Zwischentöne (Theo Lingen!) unterlaufen. Zum anderen handelt es sich hier natürlich um ideologisch schwer kontaminiertes Unterhaltungskino, ganz im Ungeist seiner Zeit.

Mit dem Wissen um die Historie wirkt die in Russland spielende Handlung zudem extrem befremdlich. Zahlreiche Szenen widmen sich dem Kriegsterror der barbarisch dargestellten Tartaren, denen gegenüber die Russen  als Vertreter einer „Herrenrasse“ erscheinen. Niedergebrannte Dörfer, tyrannisierte Zivilbevölkerung, Plünderung, Flucht, Folter und Mord wirken wie eine Vorwegnahme des 1941 nach Russland getragenen Krieges. Nur dass in der Realität dann die Deutschen als Barbaren auftraten.

Filmreihe „Wohlbrück – Walbrook“ Zeughauskino, noch bis zum 28. August. Die meisten Filme werden als analoge Kopien gezeigt, zahlreiche Referenten begleiten die Vorführungen.