Vor der Wiedereröffnung: Im chinesischen Shenyang wird ein Kinosaal desinfiziert.
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In China sollen in dieser Woche bis zu 700 Kinos wiedereröffnet werden. Mit populären älteren Hollywood-Produktionen wie „Avatar“, „Avengers“und „Inception“ will man nach zwei Monaten Ausgangssperre die Zuschauer in die Filmtheater zurückholen. Vielleicht schließt sich so der Kreis: In China hatte die Krise begonnen, wie bei allem, was mit  Corona zu tun hat, ging es dann  ganz schnell: Kinos mussten schließen,  Dreharbeiten wurden abgebrochen, Filmpremieren verschobenen. Potenzielle Blockbuster wurden  als Streaming-Angebot versendet. Innerhalb von nur drei Wochen versank eine der umsatzstärksten Branchen des globalen Unterhaltungsbetriebes im Tiefschlaf.

Es gibt auch Gewinner

Hatte man zunächst noch versucht, die Kinos mit   Sicherheitsmaßnahmen wie Desinfizierung und Sperrsitzen am Laufen zu halten, bleiben jetzt fast überall die Leinwände dunkel. Zum ersten Mal in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte hat Hollywood am vergangenen Wochenende weltweit keinerlei Kino-Umsätze gemacht. Was man sonst nur als Science-Fiction für möglich gehalten hätte, ist plötzlich da: der globale Filmriss. Wie zu erwarten war, gibt es auch hier Krisengewinner. Die Online-Dienste Netflix, Amazon und der Neuzugang Disney+, verzeichnen rapide wachsende Abonnenten-Zahlen. Die Abrufe durch ein Publikum in Quarantäne haben inzwischen Ausmaße angenommen, die die Leistungsfähigkeit des Internets zu sprengen drohen: Neben Youtube hat auch Netflix seine Datenübertragung gedrosselt und bietet  für EU-Kunden  bis auf weiteres keine Programme in HD-Qualität an.

Als Reaktion auf die dramatische Situation in der Branche hat Netflix ein eigenes Hilfsprogramm in Höhe von 100 Millionen Dollar aufgelegt, mit dem arbeitslos gewordene Filmschaffende in den USA unterstützt werden sollen. Keine ganz selbstlose Maßnahme – denn auch Netflix ist irgendwann   auf neue Produktionen angewiesen. Allein im US-amerikanischen Filmgeschäft rechnet man aktuell mit etwa 200.000 Mitarbeitern, die nach umfassendem Produktionsstopp arbeitslos, ohne Einnahmen, Krankenversicherung und Perspektive sind. Auch anderswo gibt es tiefe Einschnitte im Personal. Die größte britische Kette Cineworld hat alle Kino-Angestellten entlassen, man würde sich nach der Krise „so bald wie möglich“ melden und etwaige „alternative“ Beschäftigungskonzepte vorlegen, heißt es. Beim kanadischen Kinobetreiber Cineplex hat sich das Management den Großteil der eigenen Bezüge gestrichen, um seinen 13000 Beschäftigten wenigstens eine kleine Abfindung mitgeben zu können.

Kritisch ist die Lage auch in Deutschland: Schon jetzt ist klar, dass die Kinobetreiber hierzulande auf bis zu 17 Millionen Euro Umsatz wöchentlich verzichten müssen. aber genaue Zahlen, wie viele Kino-Angestellte jetzt auf Kurzarbeit gesetzt oder entlassen wurden, wie vielen Minijobbern gekündigt wurde, gibt es bislang nicht. Die Auftragsausfälle und Entlassungen von Freiberuflern und Kleinunternehmen im Produktionsbereich sind unklar. Die oft losen, teils prekären Beschäftigungsverhältnisse der Film-, Serien- und TV-Produktion schlagen jetzt auch hierzulande durch. 

Angst vor dem Seuchenherd

Nun gibt es Soforthilfe- und Subventionsprogramme, um die wirtschaftlich schon länger angeschlagene Branche vor dem Untergang zu bewahren. Bund und Senat, die Filmförderanstalt, das Medienboard Berlin-Brandenburg haben bereits Mittel freigegeben oder arbeiten  an entsprechenden Plänen. Kleinere Kinos appellieren an ihre Zuschauerschaft, ihr Weiterbestehen mittels Gutschein-Käufen zu sichern; Mietzahlungen müssen weiterhin geleistet werden. Unruhe und Existenzangst hat längst besonders die kleinen Betriebe erfasst, Szene- und Indie-Kinos, denen Rücklagen und Lobby fehlen. Die Sorge wächst,  dass irgendwann, wenn die Krise überstanden und sich wieder eine wie auch immer geartete Normalität einstellt, besonders die Kleinen auf der Strecke bleiben werden. Finanzhilfen und Beteuerungen, dass das Kino als tragendes Element der Kunst- und Kultur-Landschaft in Deutschland jeden Schutz verdient, ändern nichts an der wirtschaftlichen Schlüssel-Frage: Wie lange muss es bei sozialer Distanzierung und Kontaktverboten, Ausgangssperren und angeordneten Schließungen bleiben?

Am Ende wird es auch hierzulande nicht nur darum gehen, dem Publikum die Sorge vor dem Kino als möglichem Seuchenherd zu nehmen, sondern auch Überzeugungs- und Erinnerungsarbeit für das Lichtspielhaus zu leisten. Denn mit jedem weiteren Tag und jeder weiteren verordneten Heimunterhaltung verblasst der Glanz des Kinos. Das ist die große Angst: Stell dir vor, die Kinos sind wieder offen, aber niemand geht hin.